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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2019
Sie herrschen mit Gott
Wie es zu sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Kirche kommt
Der Inhalt:

»Es geschieht überall in der Kirche«

von Eva-Maria Lerch vom 22.02.2019
Doris Wagner wurde als Ordensfrau geistlich und sexuell missbraucht. In ihrem neuen Buch beschreibt sie die Ursachen – und verlangt Respekt vor der spirituellen Selbstbestimmung aller Menschen

Publik-Forum: Frau Wagner, soeben ist der Chef der Lehrabteilung der vatikanischen Glaubenskongregation wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs an Ihnen zurückgetreten. Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert?

Doris Wagner (zögert): Zwiespältig. Auf der einen Seite bin ich natürlich erleichtert. Ich hatte nicht mehr geglaubt, dass das noch mal kommt. Er hat mich vor zehn Jahren in meiner Zeit als Ordensfrau in der Beichte bedrängt. Das ist sollicitatio, ein schwerer Verstoß gegen das Kirchenrecht, darauf stehen Sanktionen, die aber in seinem Fall nie verhängt wurden. Die Nachricht hat mich aber auch sehr irritiert…

Warum?

Wagner: Weil das alles so dunkel und undurchsichtig ist: In der Erklärung zu dem Rücktritt ist von einem laufenden Verfahren die Rede. Aber das Verfahren in meinem Fall wurde bereits 2014 abgeschlossen. Damals habe ich einen Brief erhalten, wonach er die Taten zugegeben, sich entschuldigt hat und ermahnt worden ist. Deshalb frage ich mich: Was für ein laufendes Verfahren ist das jetzt? Warum weiß ich davon nichts? Oder gibt es vielleicht weitere Opfer, die sich jetzt erst gemeldet haben?

Wir wurden von dem Rücktritt überrascht. Eigentlich wollten wir über Ihr neues Buch sprechen.

Wagner: Ja, das ist das erfreulichere Thema …

Sie haben über »spirituellen Missbrauch in der katholischen Kirche« geschrieben. Was hat Sie dazu bewegt?

Wagner: Ich war ja lange mit meiner eigenen Geschichte auf dem Weg – und mit der Frage, was mir da in meiner Zeit als Ordensschwester in der Geistlichen Familie Das Werk eigentlich passiert ist. Ich habe acht Jahre in dieser Gemeinschaft gelebt, wurde dort ständig gemaßregelt, durfte nicht lesen, keinen Kontakt zu meiner Familie und keine Freundschaften haben, kein Tagebuch und keine unzensierten Briefe schreiben, nicht über persönliche Dinge sprechen, mein Zimmer nicht abschließen. Am Ende war ich so gebrochen, dass ich mich auch gegen die Vergewaltigung durch einen Priester nicht mehr wehren konnte. Den Begriff »spiritueller Missbrauch« habe ich nach meinem Austritt erstmals von dem Jesuiten Klaus Mertes gehört. Dieser Begriff hat mir

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