Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Digital-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter https://www.publik-forum.de/premium.

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2018
Gott und die Frauen
Das Erbe der Feministischen Theologie
Der Inhalt:

Musik aus der Finsternis, die ins Herz schleicht

Sinfonie. Seit Jahren bekommen wir Musikaufnahmen kaum noch in der von den Urhebern gewünschten Dynamik zu hören: Die Musikindustrie sorgt Hand in Hand mit dem Formatradio dafür, dass Musik in mittleren Lautstärken vor sich hin plätschert. Wie perfide diese verbreitete Kappung dynamischer Extreme unsere Hörerlebnisse beschneidet, zeigt jetzt eine ungewöhnliche Einspielung von Tschaikowskys 6. Sinfonie, der »Pathétique«: Man muss die Anlage weit aufdrehen, um den düsteren Beginn mit der Fagott-Melodie, diesem Seufzer in tiefer Lage, überhaupt murmeln zu hören. Faszinierend, wie Teodor Currentzis und sein kongeniales Ensemble MusicAeterna diese Musik aus der Finsternis entstehen lassen, wie sie sich zehn Minuten lang ins Herz schleicht und wieder zu vergehen scheint, wenn sie im vorgeschriebenen sechsfachen piano der Bassklarinette erstirbt. Und dann kommt ein Moment, den man so nur alle paar Jahre beim Musikhören erlebt: ein erschütternder Schlag des ganzen Orchesters, der einem tatsächlich in Mark und Bein fährt, der erschreckt und verstört. Mit diesem Schock beginnt dann eine ekstatische Höllenfahrt – ein Kaleidoskop der Extreme, wie sie nur ein Dirigent entfachen kann, der von Musikern fordert, sie müssten spielen, »als hätte man einen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt«. Was das alles bedeutet? Der Dirigent Currentzis zeigt uns hier mit Tschaikowsky einen Künstler, der als Homosexueller der Kälte der Gesellschaft besonders ausgesetzt war und der in diese Sinfonie, wie er selber sagte, seine ganze Seele gelegt hat; neun Tage nach der von ihm dirigierten Uraufführung starb Tschaikowsky. Das Werk endet im leisen Dunkel, das an den Anfang erinnert. Im Booklet schreibt Currentzis, dass er seine Musiker gebeten habe, zu spielen, »als würden sie nach ihrem Tod aus dem Jenseits zurückblicken auf die Zeit ihrer ersten Liebe«. Ohne diese Interpretation, die uns die Wildheit, Dynamik und Schönheit der »Pathétique« neu schenkt, werden echte Musikfans nicht mehr leben wollen.

Newsletter bestellen
Melden Sie sich kostenlos für den regelmäßigen Newsletter von Publik-Forum mit aktuellen Neuigkeiten und Zusatzinformationen an.