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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2016
Martin Luther: Der zweifelhafte Freiheitsheld
Der Inhalt:

Tanzen gegen die Folter

von Josefine Janert vom 26.02.2016
Das Ballett »Herrumbre« ist ein eindrückliches Plädoyer für Humanität

Das Dröhnen ist ohrenbetäubend, die Bühne in düstere Farben getaucht. In den nächsten 65 Minuten werden dort Menschen miteinander ringen, sie werden zappeln und verzweifeln. Einige von ihnen werden andere würgen, sie treten und schlagen. Die Opfer werden sich winden unter imaginären Peitschen und Elektroschocks: Selten ist Tanztheater für Zuschauer so beklemmend wie in dieser Aufführung im Schiller Theater Berlin.

Ein Tänzer robbt auf ein Licht zu – ein Befreiungsversuch, der brutal beendet wird. Häftlinge recken flehentlich ihre Hände gen Himmel, bevor sie sich synchron in einem gespenstischen Marsch bewegen. Helikoptergeräusche senken sich wie ein bedrohlicher Teppich über die Bühne. Dann wieder ist Musik von Pedro Alcalde, Sergio Caballero und David Darling zu hören, klagend und melancholisch.

»Herrumbre«, auf Deutsch »Rost«, hat der Choreograf Nacho Duato sein Stück genannt. »Wenn wir die Humanität in der Gesellschaft nicht pflegen, setzt sie Rost an wie ungeschütztes Eisen an der Luft«, sagt der Intendant des Berliner Staatsballetts.

Am Ende der Vorstellung tragen die Tänzer und Tänzerinnen Licht auf die dunkle Bühne: ein Meer von Kerzen zum Gedenken an die, die irgendwo und irgendwann der Folter erlagen, dem Terror zum Opfer fielen, die ohne Gerichtsverhandlung in Lagern und Gefängnissen verschwanden. Selbst wer überlebt, bleibt für immer gezeichnet. Folteropfer können »nicht mehr heimisch werden in der Welt«, schrieb einst Jean Améry, der Widerstand gegen das Naziregime leistete und 1943 in Brüssel von der Gestapo verhaftet wurde.

Der Choreograf Duato hat Terror hautnah kennengelernt: Seine Wohnung in Madrid liegt nur wenige Meter von der U-Bahn-Station Atocha entfernt, an der am 11. März 2004 mitten im Berufsverkehr mehrere Sprengsätze explodierten. 191 Menschen wurden bei diesem Anschlag islamistischer Terroristen ermordet, Tausende verletzt. Im selben Jahr gingen die Fotos aus den US-amerikanischen Gefängnissen Abu Ghraib im Irak und Guantánamo auf Kuba um die Welt. Sie zeigen, wie Häftlinge mit Schlägen und Schlafentzug gedemütigt und gefoltert wurden.

Seine Erschütterung und Terrorangst wollte Nacho Duato mit einem Werk verarbeiten, in dem er, wie er sagt, »die fatalen wie ausweglosen Abgründe menschlichen Schmerzes« aus

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