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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2016
Martin Luther: Der zweifelhafte Freiheitsheld
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich schiebe nichts auf«

von Michaela Schneider vom 26.02.2016
Als er drei Jahre alt war, diagnostizierten die Ärzte Muskelschwund. Heute reist Michael Herold um die Welt

Was ist mir wichtig im Leben, was nicht? Das persön liche Schicksal rückt da Prioritäten zurecht. Meine oberste Maxime ist es, keine Wünsche aufzuschieben. Mein Leben ist dadurch ein großes Abenteuer – nicht obwohl, sondern weil ich an einer schweren Form von Muskelschwund erkrankt bin.

Als ich drei Jahre alt war, merkte meine Mutter, dass ich mich beim Treppensteigen viel schwerer tue als Gleichaltrige. Die Diagnose kam rasch. Ich werde nicht bis zum Teenageralter leben, prognostizierten die Ärzte. Ein gutes Jahr später folgte mit Spinaler Muskelatrophie die richtige Diagnose, Mediziner redeten nun von einer höheren Lebenserwartung. Meine Kindheit verlief recht normal. Wenn meine Freunde am Nachmittag tobten, machte ich mit. Ich war halt der, der nicht bis in die Baumspitze hochkam. Mit den Wachstumsschüben verschlimmerte sich der Muskelschwund schleichend. Irgendwann konnte ich mich zum Beispiel nicht mehr vorbeugen und den Rucksack aufheben. Heute kann ich am Stück mit Stock rund hundert Meter laufen. Bei längeren Strecken bin ich auf den Rollstuhl angewiesen.

Ehe ich begriff, dass mein Leben nicht trotz, sondern wegen der Behinderung ein Geschenk ist, durchlief ich eine schwierige Phase. Ich hatte keine Arbeit, es ging mir schlecht. Eines Morgens am Frühstückstisch griff ich zu Stift und Papier und notierte, was ich tun würde, wenn ich gesund wäre. Das war für mich ein Manifest ans Leben nach dem Motto: Wegen dir, Krankheit, habe ich das alles nicht. Als die Liste mit ungefähr zwanzig Punkten auf dem Tisch lag, stand der Wunsch, einmal Drachen zu fliegen, an erster Stelle. In dem Moment machte es »Klick« in meinem Kopf, und ich beschloss: Ich mach’s trotzdem! Das Problem ist, dass man es ohne Anlauf selbst beim Tandemflug nicht in die Luft schafft. Nach unzähligen Anrufen und vielen Absagen fand ich einen Drachen mit Fahrgestell. In der Luft übergab mir der Pilot plötzlich die Lenkstange. In dem Moment war ich wieder ein vierjähriger Junge, der sagt: Ich kann alles.

Stück für Stück »arbeitete« ich anschließend meine To-do-Liste ab: Ein Freund jobbte in Neuseeland und sagte: Komm vorbei, wenn du Lust hast. Eigentlich hätte ich zu jener Zeit einen Rollstuhl gebraucht, setzte mich aber trotzdem mit nichts als einem Koffer ins Flugzeug. Ich besorgte mir in Neuseeland ein Auto, eine Wohnung, Arbeit und fand neue Freunde. Ich erle

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