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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2013
Die Entscheidung
Nach dem Rücktritt des Papstes: Was sich in der katholischen Kirche ändern muss
Der Inhalt:

»Wie eine Art Euphorie«

von Benjamin Schuke vom 22.02.2013
Udo E. hat an Automaten ein Vermögen verspielt. Durch die Hilfe des Guttemplerordens bekam er seine Sucht in den Griff

Die ersten Spielautomaten habe ich als Schüler in einer Bahnhofswirtschaft gesehen. Diese Automaten haben mich schon fasziniert. Man konnte damals nur Groschen reinwerfen und noch keine Markstücke. Aber die Polizei hat drauf geachtet, dass Jugendliche da nicht gespielt haben. Später bin ich nach der Schule immer in das Altphilippinum gegangen. In diesem Gewölbekeller hatte 1969 die erste Spielothek aufgemacht. Am Anfang habe ich nur geflippert und zugeguckt, wie die Männer an den Automaten spielten. Später klaute ich Geld von meinen Eltern, und dann ging’s rund. Für fünfzig Pfennig gab es drei Spiele, und man konnte Freispiele gewinnen.

Ich glaube, meine Herkunft war irgendwie mit daran schuld, dass ich spielsüchtig wurde. Meine Eltern sind vor dem Mauerbau in den Westen geflohen. Mein Vater war Bergmann und anschließend auf dem zweiten Bildungsweg Pfarrer geworden, weil er als Einziger ein Grubenunglück überlebt hatte. Er war aber kein Intellektueller. Wir sind in ein kleines Kaff mit ein paar Hundert Einwohnern gezogen. Ich hatte dort keine Freunde und war der Einzige, der aufs Gymnasium ging. Deswegen musste ich immer nach Marburg zur Schule fahren. Im Gegensatz zu mir hatten die meisten Kinder dort studierte Eltern und bekamen zu Hause Hilfe bei den Schulaufgaben. Aber mein Vater konnte mir in Mathe und Latein nicht helfen.

Der Lateinlehrer hatte mich auf dem Kieker und hat mich willentlich durchfallen lassen. Ich habe sein süffisantes Grinsen gesehen, und meine Schwester hörte, wie er voller Genugtuung zum Direktor sagte: »Jetzt habe ich reinen Tisch gemacht.« Damit war ich weg von der Schule. Von der Zeit an ging’s rund.

1973 bin ich beim technischen Dienst der Post gelandet. Da haben durch die Bank weg alle getrunken. Auch die Vorgesetzten! Das Spielen hatte ich in dieser Zeit aufgegeben, doch 1980 hatte ich einen schweren Autounfall. Ich bin mit 120 Stundenkilometern gegen einen Betonpfeiler geknallt und durch die Scheibe geflogen. Das ganze Gesicht war zerfetzt! Die haben mich zusammengeflickt, und ich war monatelang krankgeschrieben. So bin ich schon mal morgens in eine Kneipe gegangen, weil mir langweilig war. Dort hingen zwei Automaten, und nach ein paar Wochen habe ich angefangen zu zocken. Ich war nie in einer Spielhalle, immer im Lokal. Man war dort nicht so einsam und konnte auch etwas trinken. Ich habe dann zehn oder z

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