Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2013
Die Entscheidung
Nach dem Rücktritt des Papstes: Was sich in der katholischen Kirche ändern muss
Der Inhalt:

Reiten gegen die Schulangst

von Yasmin Bohrmann vom 22.02.2013
Die Mädchen-Pferde-Schule
in Marburg: Im Umgang
mit Pferden lernen Schulschwänzerinnen hier neues Selbstbewusstsein

Die wichtigsten Lehrer hier sind drei Pferde: Lucy, Leon und Blondie heißen sie und stehen auf dem Reitsporthof in Hermershausen, einem ländlichen Stadtteil von Marburg. Die Vierbeiner sollen Schulverweigerinnen helfen, Selbstvertrauen zu entwickeln und in der Schule zu bestehen. Maja hat den siebenjährigen Wallach Leon aufgesattelt und führt ihn zur Reithalle. Er hat die Knöchel bandagiert, darf nicht ins Gelände. »Arthrose«, erklärt Maja.

Die 15-Jährige wohnt seit etwas mehr als einem Jahr in einer Mädchen-Wohngruppe des Marburger St. Elisabethvereins und besucht dessen Mädchen-Pferde-Schule (MPS). 2006 wurde dieses damals bundesweit einmalige Projekt unter dem Dach der Diakonie gegründet, das Schulverweigerinnen erfolgreich zurück in die Regelschule führt. Bis zu 22 Mädchen können hier aufgenommen werden. Viele von ihnen galten zuvor als kaum noch beschulbar.

Maja sieht sich selbst nicht als Schulverweigerin: »Ich war halt sehr schlecht in Mathe und Französisch.« Und dann? Ist sie weggeblieben? Hat sie sich weggeträumt? Maja antwortet nicht. Sie steht inzwischen kurz vor dem Realschulabschluss, denkt über ihre berufliche Zukunft nach. »Was mit Tieren« würde sie später gern machen, aber bitte nicht so abgelegen wie hier. »Ich bin Großstadtmensch«, sagt die Frankfurterin, »einen Job bei BMW fände ich cool.«

»Auch Mädchen verweigern die Schule, allerdings weniger häufig als Jungen«, sagt Norbert Grewe. Der Erziehungswissenschaftler forscht seit zehn Jahren an der Uni Hildesheim zum Thema Schulabsentismus. Er beruft sich auf Zahlen, die das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen im Jahr 2010 erhoben hat. Danach bleiben etwa 12 Prozent aller Jungen und 6,3 Prozent aller Mädchen dem Unterricht mehr als fünf Tage im Schulhalbjahr unentschuldigt fern und fallen damit in den kritischen Bereich, ab dem von Schulabsentismus gesprochen wird.

Jungen klinken sich zumeist wegen schlechter Leistungen aus dem Schulalltag aus, sagt Grewe. »Bei Mädchen spielt Mobbing die Hauptrolle, zunehmend auch Cybermobbing.« Am Anfang einer Karriere als Schulverweigerer stünden dabei häufig »Broken-Home-Situationen« – Erfahrungen mit physischer oder auch sexueller Gewalt in der Familie, mit Vernachlässigung, Scheidung, Krankheit, Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen