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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2013
Die Entscheidung
Nach dem Rücktritt des Papstes: Was sich in der katholischen Kirche ändern muss
Der Inhalt:

Noch ’ne Kelle?

von Thomas Becker vom 22.02.2013
Dieter Schneider, Abteilungsleiter bei einem großen Energiekonzern,
nimmt sich eine kleine Auszeit und hilft Obdachlosen in Nürnberg. Dabei erhält er Einblicke in eine für ihn völlig neue Welt – und entdeckt manche Parallele

Der Mann, der sich Frank nennt, hat sich wie so oft in der Nähe des Nürnberger Hauptbahnhofs postiert. Er hält einige Exemplare des aktuellen »Straßenkreuzers« in der Hand – eine Obdachlosenzeitung. Normalerweise ist er allein unterwegs, heute aber schaut ihm ein Praktikant über die Schulter: Dieter Schneider.

Der 52-Jährige sieht nicht aus wie jemand, der es nötig hätte, sich ein paar Euro durch den Verkauf einer Zeitung zu verdienen. Er trägt ein sauberes Poloshirt zur schlichten Jeans und beobachtet Passanten, die hastig vorbeilaufen. »Es ist merkwürdig«, wundert er sich, »sobald du die Zeitung in den Händen hältst, geben dir Passanten mit ihren Blicken sofort zu verstehen: Du stehst außerhalb der Gesellschaft, gehörst nicht dazu.«

Dieter Schneider kennt diese degradierenden Blicke nicht. Er ist es vielmehr gewohnt, dass andere zu ihm aufschauen: Der Elektroingenieur steht in der Hierarchie des Energiekonzerns E.ON weit oben. Seit acht Jahren leitet er die Abteilung Umspannwerke in Bamberg und ist Chef von hundert Mitarbeitern. Mit seinem Dienstwagen fährt er jedes Jahr mehr als 50 000 Kilometer durch Bayern, oder er kontrolliert Budgets und Zeitpläne von seinem Chefsessel aus. 45, 50 Stunden pro Woche. Einem Zeitungsverkäufer zur Seite zu stehen – das gehörte bisher nicht zu seinen Aufgaben.

Diese Woche nimmt Dieter Schneider allerdings am Programm »SeitenWechsel« teil, das die gemeinnützige Patriotische Gesellschaft von 1765 seit zwölf Jahren in Deutschland organisiert. Es richtet sich an Führungskräfte und Manager, die eine Woche als Praktikant in einer sozialen Einrichtung arbeiten wollen. Rund 1300 Führungskräfte aus sieben Bundesländern haben sich bisher dafür entschieden. Sie haben sich um Strafgefangene gekümmert, Drogensüchtigen geholfen oder Senioren gepflegt – je nach Wunsch des Seitenwechslers.

»Wir wollen Menschen mit Personalverantwortung für mögliche Probleme ihrer Mitarbeiter und Tabuthemen in Unternehmen und Gesellschaft sensibilisieren«, sagt Doris Tito, Chefkoordinatorin des SeitenWechsels. »Wer bemerkt, dass ein Angestellter private Sorgen hat, ein Alkoholproblem, einen drohenden Burn-out oder eine Depression, der kann frühzeitig gegensteuern, wenn er den entsprechenden Blick hat.« Das helfe dem Mitarbeiter und sei auch für Unternehmen von Nutzen, so die Projekt-Philosophie.

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