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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2013
Die Entscheidung
Nach dem Rücktritt des Papstes: Was sich in der katholischen Kirche ändern muss
Der Inhalt:

Die säkulare Fundgrube

von Hermann Häring vom 22.02.2013
Joseph Ratzingers Theologie ist in der Spätantike stecken geblieben.
Eine zeitgemäße Theologie muss jedoch auf die Fragen der Menschen von heute antworten

Joseph Ratzingers Theologie speist sich aus verschiedenen Quellen. Deren Kombination hätte zu höchst fruchtbaren und dynamischen Ergebnissen führen können. Da ist der Einfluss eines ästhetisch sensiblen Romano Guardini mit seinem kulturoffenen und subjektbetonten Katholizismus. Hinzu kommen die Einflüsse der französischen Theologie (»nouvelle théologie«), die auf die belebende Spiritualität der spätantiken Kirche setzt. Seine Studien zu Augustinus und Bonaventura machen ihn resistent gegen den tödlichen neuscholastischen Rationalismus. Die Liebe zur lateinischen Liturgie lernt er im Elternhaus, und mit der Bibel setzt er sich spätestens seit seiner Studentenzeit auseinander.

Den Hintergrund bildet bei ihm schon immer eine konservative, bürgerlich domestizierte Grundstimmung. Das christliche Abendland gilt als sein großes Ideal, auch in der faschistischen Ära bleibt ihm die katholische Kirche unbestrittene moralische Instanz, die alle Gegensätze einer langen Geschichte versöhnt. Anders als im Protestantismus (allein Schrift, Christus und Gnade) gilt das große katholische »Und«: Schrift und Tradition, Gewissen und Wahrheit, Erfahrung und Lehre, Subjektivität und objektive Wirklichkeit, eigenes Denken und Glaubensgehorsam. Die Gegensätze können miteinander leben, denn die große Klammer lautet Liebe zu einer Kirche, die als reine Braut in Gottes Plan schon vor aller Zeit gegenwärtig ist.

Ratzingers Tragik

In diesem offenen Sinn versteht der aufstrebende Theologenstar auch das Zweite Vatikanische Konzil; es bedeutet ihm Erneuerung und Entfaltung. Jetzt kann die immer reformfähige, in der Alten Kirche verwurzelte Glaubensgemeinschaft als das große Geschenk Europas an die Welt neu aufblühen. Reform ist auch für Ratzinger angesagt.

Erst nach dem Konzil wird ihm allerdings klar, dass der metaphysische Überbau dieser unsichtbar universalen Kirche zerbrochen ist. Seit 1968 versteht er auch die Welt nicht mehr, die dabei ist, sich vom Gottesglauben abzunabeln. Nach ihm kann nur die Rückkehr zur spätantiken Kirchenidee den wahren Glauben bewahren.

Zunächst ist Ratzinger kein Reaktionär, aber er fällt auf ein vorkonziliares Erneuerungskonzept zurück. Es gehört zu seiner Tragik, dass die augustinisch-altkirchlichen Reformgedanken von einem modernen Reformkonzept überrollt wurden. Ratzinger erklärt wiederholt, dass er

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