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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2012
Ende eines Traums?
Die Zukunft der arabischen Revolution
Der Inhalt:

Organisiertes Verbrechen

Das alte Regime schlägt zurück: Drei deutsche Frauen erleben das Fußballmassaker in Ägypten

Seit fünf Monaten sind wir in Kairo. Wir betreuen Menschen mit Behinderung in einer Einrichtung der koptischen Kirche. Unser Heim befindet sich in dem eher wohlhabenden, ruhigen Stadtteil »Heliopolis«. Seit September leisten wir hier eine Art »Freiwilliges Soziales Jahr«, und anfangs war es relativ ruhig in Kairo. Natürlich wurde im Heim über die Proteste auf dem Tahrir-Platz gesprochen. Der Tahrir ist zudem ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, der regelmäßig durch Demonstrationen lahmgelegt wird. Einige »unserer« Kinder sind nur tagsüber bei uns. Sie werden mit Bussen zu uns gebracht, was während großer Demonstrationen nicht möglich ist. Aber wirklich beunruhigend war das nicht. Auch der antikoptische Brandanschlag von Assuan am 30. September führte bei uns zwar zu heftigen Diskussionen, aber keineswegs zu einem Gefühl, bedroht zu sein oder gar in Gefahr zu schweben. Leider gibt es sehr ernste Spannungen zwischen Kopten und Muslimen, aber – und das wird häufig nicht gesehen – hier in Kairo ist das Miteinander von Muslimen und Kopten seit Jahrhunderten selbstverständlich. Gemeinsame religiöse Feiertage werden gemeinsam gefeiert.

Doch seit dem 1. Februar ist alles anders. Tagsüber organisierten wir Freizeitprogramme in unserem Heim. Wir betreuen 31 Menschen mit Behinderung, von 5 bis 55 Jahren. Abends wird gebastelt, gemalt, oder wir machen Gymnastik zusammen. An ganz besonderen Tagen dürfen alle fernsehen. So war es auch am 1. Februar. An diesem Tag lief die Übertragung eines ganz wichtigen Fußballspiels: der Club Al Masry aus Port Said gegen den ägyptischen Rekordmeister Al Ahly, vergleichbar mit Bayern München gegen Borussia Dortmund.

Während einige Betreuer das Spiel verfolgten, waren wir mit der Vorbereitung des Abendessens beschäftigt. Zwischendurch hörten wir Jubelschreie oder lautes Aufstöhnen. Doch auf einmal verstummten die Geräusche. Einer der Betreuer fing an zu schreien. Alle versammelten sich um den Fernseher und starrten wie gebannt auf den Bildschirm. Ausrufe wie »Eeh da?« »Fi eeh?« (»Was soll das? Was passiert da?«) erfüllten den Raum. In den Gesichtern war Schock und Entsetzen zu sehen. Zwischen offenen Fragen und Ratlosigkeit erklärte uns ein Mitarbeiter, was er gesehen hatte. »Ein Blutbad zwischen Fans?«

Wir gingen mit einem Mitarbeiter

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