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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2012
Ende eines Traums?
Die Zukunft der arabischen Revolution
Der Inhalt:

Ganz ruhig

von Ute Meckbach vom 04.05.2012
Fabian kann hören, seine Eltern sind gehörlos. Aber das macht nichts, denn er kann sich mit ihnen durch Glasscheiben unterhalten, und keiner merkt was, wenn er abends noch ein bisschen länger auf der Konsole spielt

Bis auf die Tatsache, dass seine Eltern gehörlos sind, ist in Fabians Leben eigentlich alles normal. Er heißt Fabian Schmiedt, ist zwölf Jahre alt, geht in die 7d des Gymnasiums Dreikönigschule und wohnt mit seinen Eltern in einem Einfamilienhaus in Weixdorf bei Dresden. Es ist ein Sonnabend im Dezember. Der Swimmingpool im Garten ist abgedeckt. Sein Fahrrad steht in der Laube neben dem Stall seiner drei Kaninchen. Die Mutter, Carola, bereitet in der Küche für das Mittagessen Quarkkeulchen vor. Der Vater, Johannes, fliest mit einem Freund das Bad, und Fabian werkelt in seinem Zimmer. Links ein Hochbett, rechts ein Regal mit Comics und Dinosaurier-Büchern, vor sich zwei Tische voll mit Lego. Er will ein Batwing bauen, ein fledermausähnliches Flugobjekt, mit dem Batman unterwegs ist.

Über die Gehörlosigkeit seiner Eltern spricht Fabian nicht so gern, schaut auf von seinem Bauobjekt, der Blick halb genervt, halb unsicher. Es sind immer die gleichen Fragen: »Nein, meine Eltern können wirklich nichts hören.« »Ja, ich kann mich mit ihnen in Gebärdensprache unterhalten.« Und: »Nein, die ist nicht international.« Über seine selbst gedrehten Trickfilme redet Fabian lieber. Oder über das Basketballtraining, den Konfirmandenunterricht, warum er Paläontologe werden will oder über die Reise nach Israel, die er mit seinen Eltern unternommen hat.

Es klingelt an der Haustür, und dabei blitzen mehrere Lichtanlagen im Haus. Mit Umarmungen begrüßen die Eltern eine Freundin aus der Gehörlosengemeinde. Sie ist Gebärdendolmetscherin. Man duzt einander, setzt sich ins Wohnzimmer an den Esstisch, Mutter und Vater nebeneinander. Sie sind 47 und 53 Jahre alt und sehen aus wie zwei Verliebte, weil sie ununterbrochen Blickkontakt halten. Carola versteht die Dolmetscherin nicht so gut, Johannes übersetzt für sie alles noch einmal.

Beide sind seit frühester Kindheit gehörlos, er von Geburt an, sie durch eine Krankheit. Johannes, schlank mit ergrautem Bart in einem sich stets bewegenden Gesicht, schaut ab und zu auf seine große Digitaluhr, weil der Kumpel und die Fliesen warten. Carola mit lieben braunen Augen, die denen von Fabian ähneln, trägt ein Kruzifix-Goldkettchen und lächelt. Sie hätte gern noch mehr Kinder gehabt, leider blieb es bei dem einen. »Ich habe mich so gefreut auf das Baby«, berichtet Carola. »Es war mir völlig egal, ob es hören kann oder nicht.« Von der ersten Minute an spürt man, wie stolz si

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