Wie werde ich mehr als ich?
Das Auge hat das Ohr überwältigt, und das Sehen gilt heute als der privilegierte Sinn. Heidegger hat Platons Wende vom Hören zum Sehen als den Sündenfall des abendländischen Denkens begriffen. Das Auge mache die Dinge zu Objekten, sagt er, zu Gegenständen der Feststellung und Herstellung. Mit der Wende zum Sehen beginne die abendländische Rationalisierung, die alles Seiende berechenbar und benutzbar macht und für das Leben nur noch kalkulierbarer Bestand ist. Sehend sind wir Täter, Feststeller, Fixierer. Das Auge hält auf Distanz und überwacht. Michel Foucault hat gezeigt, wie sehr das Sehen die Institutionen und die Architekturen der Moderne bestimmt und wie sich dabei Maßnahmen der Befreiung in Szenarien der Überwachung und Disziplinierung verkehren. Er zitiert dafür Jeremy Benthams Panopticon von 1787, den Idealtyp einer Strafanstalt. Die Zellen sind in einem Kreis um einen Zentralturm gelagert. Sie haben viel Licht von außen, und damit kann ein einziger Beobachtungsposten im Zentrum die ganze Anstalt überwachen. Jede Bewegung in den Zellen ist als Schattenriss sichtbar, eine perfekte Überwachungsarchitektur. »Ein Auge ist, das alles sieht!« - Wer, der in religiöser Enge erzogen ist, kennt nicht diesen panoptischen Schreckenssatz!
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