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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2018
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen
Der Inhalt:

Wie frei sind unsere Entscheidungen?

von Gerhard Roth vom 09.02.2018
Warum ich den herkömmlichen Begriff der Willensfreiheit ablehne und für Veränderungen im Strafrecht bin

Wir müssen uns jeden Tag viele Male entscheiden: zum Beispiel, welchen Weg wir zur Arbeit nehmen, was wir einkaufen und was wir essen. Gelegentlich geht es auch um »große« Entscheidungen: ein attraktives Stellenangebot, einen Wohnungswechsel, die Wahl des Lebenspartners. Insgesamt sind wir davon überzeugt, dass wir es sind, die entscheiden, und nicht etwa das »Schicksal«, ein »höheres Wesen« oder ein physikalischer kausal-deterministischer Ablauf der Welt. Der Mensch kann – trotz aller bestehenden Einengungen – frei handeln: Das ist die Auffassung, die dem westlich-abendländischem Menschenbild zugrunde liegt. Nähmen wir dies nicht an – so die allgemein verbreitete Überzeugung –, dann gäbe es kein Recht und keine Schuld: Jeder könne sich ja darauf berufen, er habe eben nicht anders handeln können! Das deutsche Strafrecht basiert daher auf der Annahme, dass wir uns normalerweise aus rein geistigem Willensentschluss über genetische Vorbestimmungen und prägende Umwelteinflüsse hinwegsetzen können.

Dem steht seit dem Altertum die Ansicht gegenüber, dass auch der Mensch in seinem Fühlen, Denken und Handeln Gesetzen unterworfen ist (mögen sie schicksalhaft oder durch einen Gott »erlassen« worden sein). Nach dieser »deterministischen« Auffassung, die auch der klassischen Physik zugrunde liegt, ist alles vom Ursprung des Universums an bestimmt in einer Kette von Ursachen und Wirkungen. Freiheit hat hier keinen Ort. Auch Immanuel Kant sah dies so und schrieb, dass man in der Natur niemals Willensfreiheit nachweisen könne. Vielmehr sei sie ein Postulat, das heißt, man müsse so handeln, als ob es sie gebe.

Das Aufkommen der Quantenphysik schien diese deterministische Auffassung zu ändern. Es scheint nämlich auf der Quantenebene Prozesse zu geben, die ohne erkennbare Ursache ablaufen. Schon früh versuchten Philosophen hier Willensfreiheit anzusiedeln. Dies erwies sich aber als Irrtum: Erstens unterliegen scheinbar »zufällige« Quantenprozesse in größerer Zahl berechenbaren Wahrscheinlichkeiten sowie universellen Naturgesetzen wie dem Energie- und Impulserhaltungssatz. Zweitens kann man aus philosophischer Sicht Freiheit nicht durch »Zufälligkeit« ersetzen. Sowohl im Falle eines strengen Determinismus als auch einer »objektiven Zufälligkeit« wäre es nicht unser persönlicher freier Wille, der unser Handeln bestimmt. Es scheint also keinen Ausweg aus der Erkenntnis zu geben, dass Willensfreiheit eine Illu

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