Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2017
Steife Brise
Wie der Streit um die Windkraft gelöst werden kann
Der Inhalt:

Tragen Sie heute Gucci oder Christentum?

von Anna-Katharina Höpflinger vom 10.02.2017
Was zeichnet religiöse Kleidung aus? Kommt sie wieder in Mode? Über das facettenreiche Wechselspiel von Stoff, Glaube und Gesellschaft

Religiöse Kleidung irritiert und überrascht. Sie wirkt anachronistisch und ist gleichzeitig »in Mode«. Aber was ist eigentlich religiöse Kleidung? Während ich darüber nachdenke und sich ein Schreibstau andeutet, beschließe ich, einen Feldversuch zu unternehmen. Ich gehe also aus meinem Büro hinaus in die pulsierende Großstadt. Die erste Person in religiöser Kleidung, auf die ich treffe, ist eine ältere römisch-katholische Ordensfrau. Sie trägt flache Schuhe, einen knielangen Rock und einen Schleier. Ich mustere sie genau, und auch einige der anderen Passanten schauen ihr nach. Etwa zehn Minuten später begegnet mir eine Gruppe jüngerer Musliminnen. Sie sind elegant angezogen, tragen bunte Kopftücher und modische Tuniken. Auch sie fallen den anderen Passanten auf. Ich meinerseits halte, beflügelt von den zufälligen Begegnungen, nach buddhistischen Mönchen, Hare-Krishna-Anhängern oder Sikhs Ausschau. Vergebens.

Was mir allerdings gehäuft auffällt, sind religiöse Symbole an Halsketten oder auf T-Shirts: Mehrere Om-Zeichen in Silber, ein altägyptisches Anch (die Hieroglyphe für Leben), eine meditierende Buddhafigur auf einer Tasche, Heiligenbildchen an Armbändern und sogar ein üppig mit Glassteinen besetztes großes Kreuz stechen mir ins Auge. Letzteres baumelt einem Rapper um die Brust. Doch Personen, die auf diese Weise religiöse Accessoires am Leib tragen, schaut niemand nach. Wieso eigentlich nicht? Gelten Buddhas auf Taschen etwa nicht als religiöse Kleidung? Oder ist man diese Art der Inszenierung religiöser Sympathien in einer deutschen Stadt eher gewohnt als andere kleidungsmäßige Identitätsbekundungen? Ist ein Kreuz am Kettchen oder ein Buddha auf der Tasche einfach nur Mode, die weltanschaulich nichts zu bedeuten hat?

Die kleine Szene zeigt, wie vielschichtig das Wechselspiel zwischen Religion und Kleidung ist: Religiöse Kleidung kann von Weitem sichtbar sein oder nur dezent erscheinen. Sie hat mit Identität zu tun; sie zeigt Zugehörigkeiten an, markiert Abgrenzungen und unterliegt Regeln. Religiöse Kleidung schmückt das Individuum und interagiert gleichzeitig mit kollektiven Vorstellungen.

Kleidung ist zunächst ein materielles Produkt, das sich allerdings religiös »aufladen« kann. Buddhistische Mönchsroben zum Beispiel werden aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt. Diese besondere Schnitttechnik ist nicht dem Zufall geschuldet, sondern jede einzelne Naht,

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen