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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2014
Der große Traum
Während im Westen die Euro-Angst grassiert, brennen die Osteuropäer für die europäischen Werte
Der Inhalt:

Nachricht aus dem Schützengraben

von Anita Rüffer vom 14.02.2014
Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen präsentiert private Briefe und Notizen wie historische Dokumente

Stand früh um halb vier auf und ging in die Stellungen hinaus«, schreibt Hauptmann Richard P. am Montag, den 14. April 1915 in sein Tagebuch. »Oben sah es immer noch grässlich in den Schützengräben aus. Noch immer lagen viele Tote umher, manchmal von sammelnden Soldaten in wilden Haufen aufgeschichtet.« Da sind wir mittendrin im Ersten Weltkrieg. Wir meinen das Gefechtsfeuer im endlosen Stellungskrieg um die Handelsstadt Ypern in Westflandern zu hören und ertappen uns dabei, wie wir beim Lesen den Kopf einziehen. »Die Beschießung währte ungewöhnlich lange«, hält der Hauptmann fest. »Zwei Stunden mussten wir in dem Keller verbleiben (etwa sechzig Granaten). Verlust der Kompagnie heute: ein Toter, vier Verwundete. Gesamtverlust in elf Tagen: 17 Tote, 2 Vermisste, 31 Verwundete, insgesamt also 50 Gefechtsverluste.«

Die Zahlen scheinen sein Entsetzen ausdrücken zu wollen, doch mehr als ein »kleines Heulen« erlaubt er sich in dem Tagebuch nicht. Am Ende wird die Statistik mehr als 900 000 Tote, Verwundete und Vermisste am Ypernbogen auflisten; Hauptmann Richard P. wird einer von ihnen sein. Im Deutschen Tagebucharchiv in der südbadischen Kleinstadt Emmendingen aber lebt er fort. Seine 19 Tagebücher sind hier zu historischen Dokumenten geworden: erschütternd, konkret, hautnah.

Die Tagebücher des Hauptmanns P. gehören zu den 13 000 Dokumenten von 3000 Autoren, die sich seit der Gründung des Archivs vor 15 Jahren in Emmendingen angesammelt haben. Das Tagebuch archiv wagt damit den einmaligen Versuch, private Aufzeichnungen wie geschichtliche Zeugnisse zu behandeln. Hier wird deutlich, wie sehr das Private politisch ist und das Politische privat.

Marlene Kayen hat P.s Aufzeichnungen aus der alten deutschen Kurrentschrift übertragen. Die 65-jährige ehemalige Schulleiterin ist eine von rund neunzig ehrenamtlichen Mitarbeitern des Archivs. Professionell aufbereitet werden Tage bücher, Feldpostbriefe, Reiseberichte; selbst die Ergüsse verliebter Teenager sind hier von Wert. Für zahlreiche Wissenschaftler aus aller Welt sind diese privaten Aufzeichnungen eine unschätzbare Quelle – ob sie nun die »Prügelpädagogen im Kaiserreich« erforschen oder den »Alltag in der DDR«.

Jetzt, im hundertsten Gedenkjahr des Ersten Weltkriegs, häufen sich auch die Anfragen von Medien, denn nur persön liche Dokumente wie die des Hauptmanns P. mach

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