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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2014
Der große Traum
Während im Westen die Euro-Angst grassiert, brennen die Osteuropäer für die europäischen Werte
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Mich hat niemand verstanden«

von Ulrike Scheffer vom 14.02.2014
Andreas Timmermann-Levanas war als Bundeswehrsoldat in Bosnien und Afghanistan. Schwer traumatisiert kehrte er heim

Eine große Mehrheit der Deutschen gibt an, gegen Auslandseinsätze zu sein. Warum werden dann aber vor allem Parteien gewählt, die die Einsätze unterstützen? Die Soldaten gehen schließlich nicht für ihren General in den Einsatz, sondern im Auftrag des Parlaments. Der Grund ist wohl, dass das Thema für die meisten keine Priorität hat. Die Bürger wissen allerdings auch zu wenig über die Einsätze. Deshalb muss die Bundeswehr stärker aus den Kasernen raus und in die Öffentlichkeit reingehen.

Als ich in einem Berliner Gymnasium von meinen Erfahrungen berichtet habe, bin ich auf offene Ohren gestoßen. Während viele Lehrer und Eltern fanden, die Bundeswehr habe in der Schule nichts zu suchen, waren die Schüler sehr interessiert. Der Saal war voll, die Schüler saßen auf dem Boden, sogar auf den Fensterbänken. Die wollten genau wissen, was wir in Afghanistan machen: was wir essen, wie wir untergebracht sind oder ob es Internet für die Soldaten gibt. Sie haben aber auch gefragt: Wie fühlt ihr euch, wenn ihr selber schießen müsst? Wie fühlt ihr euch, wenn ihr danach zurückkommt? Als ich aus Afghanistan zurückkam, fühlte ich mich als Kriegsheimkehrer, doch hier hat mich niemand verstanden. Wenn ich erzählt habe, wie wir mit voller Ausrüstung bei fünfzig bis sechzig Grad Lufttemperatur und siebzig Grad auf dem Teer herumgelaufen sind, dann kamen Reaktionen wie: Am Strand von Teneriffa war es auch so heiß, dass man Badelatschen tragen musste. So etwas ist für einen Einsatzsoldaten schwer zu ertragen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte fast jeder Traumatisches erlebt, und man hat sich verstanden, auch wenn nicht viel gesprochen wurde. Wir kommen heute zurück, und die gesamte Gesellschaft ist im Frieden. In meinem Leben hat sich durch die Einsätze aber so viel verändert, dass ich nicht mehr so leben kann wie früher. Die Werte haben sich verschoben. Ich bin kompromissloser und kann bei einer Familienfeier keine Harmonie mehr vortäuschen, wenn da in Wirklichkeit Konflikte sind, nur um die Feier nicht zu stören.

Ich habe diesen Job nicht gemacht, um von der Gesellschaft etwas zurückzubekommen. Aber von der Bundeswehr hätte ich erwartet, dass sie ihrer Fürsorgepflicht nachkommt. In § 31 des Soldatengesetzes heißt es: »Der Bund hat im Rahmen des Dienst- und Treueverhältnisses für das Wohl des Berufssoldaten und des Soldaten auf Zeit sowie ihrer Familien, auch für die Zeit nach Beendigung

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