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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2014
Der große Traum
Während im Westen die Euro-Angst grassiert, brennen die Osteuropäer für die europäischen Werte
Der Inhalt:

Aus der Moschee in den Heiligen Krieg

von Josefine Janert vom 14.02.2014
Der Psychologe Kazým Erdogan hat die erste muslimische Männergruppe in Deutschland gegründet. Jetzt will er verhindern, dass junge Muslime als Krieger angeworben werden

Kazým Erdogan kommt gerade von einer Konferenz in den Niederlanden: Das Radicalisation Awareness Network (RAN) hatte dazu eingeladen. Das ist ein europäisches Netzwerk, in dem sich Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen, Polizisten und andere Mitarbeiter von öffentlichen Einrichtungen über radikale politische Tendenzen und ihre Ursachen austauschen. Sie hatten in Den Haag über die Männer gesprochen, die von Europa in den syrischen Bürgerkrieg ziehen. Es sollen Hunderte sein. Zumeist handelt es sich um religiöse Fundamentalisten. Viele von ihnen sind erschreckend jung. Manche sollen erst 16 Jahre alt sein, wenn sie ohne das Wissen oder gegen den Willen ihrer Eltern eine Waffe in die Hand nehmen. »Wir müssen etwas tun«, sagt Kazým Erdogan. »Jeder Jugendliche, der in Syrien stirbt, ist ein herber Verlust.«

Der 61-jährige Psychologe hat sein Büro in Berlin-Neukölln, einem Bezirk, in dem viele muslimische Einwanderer leben. An der Wand hängen Fotos seiner erwachsenen Töchter. Auf einem Tisch brummt ein türkischer Samowar. Der schmale, leicht gebeugte Mann stammt aus einem Dorf in Anatolien. Seine Eltern waren beide An alphabeten, und sein Vater wollte eine gute Bildung für seinen Sohn. Deshalb setzte er den sechseinhalbjährigen Kazým allein in einen Zug und schickte ihn in ein 550 Kilometer entferntes Internat. Dort blieb der Junge bis zum Abitur. Vor genau vierzig Jahren, am 4. Februar 1974, zog er nach Deutschland, um Psychologie zu studieren. »Ich wollte die Menschen besser verstehen«, sagt er heute.

Schwierige Gespräche in Familien

Kazým Erdogan legt das Buch »Das Ende der Geduld« von Kirsten Heisig auf den Tisch, einer guten Bekannten, mit der er eng zusammenarbeitete. Die Jugendrichterin war Mitinitiatorin des »Neuköllner Modells«. Es sieht die schnelle und konsequente Bestrafung von jugendlichen Straftätern vor, um weitere Delikte zu verhindern. Vor allem bemühte sich Heisig erfolgreich um den Dialog mit den Familien der Täter, von denen viele einen Migra tionshintergrund haben. 2010 nahm sie sich das Leben, wohl auch, weil sie sich alleingelassen fühlte.

Auch Kazým Erdogan weiß, wie schwer es manchmal ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Allerdings kümmert er sich nicht um Straftäter. Er arbeitet in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Bezirksamtes. Bekannter ist er für seine ehrenamtlic

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