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Glaube als Ursache von Gewalt?

von Harald Schweizer vom 13.02.2009
Ob Religionen Frieden stiften, ist höchst fraglich. Im Gewand der Ideologie werden sie grausam. Wann ändert sich das?

Glaube, missverstanden als Dogmatik - also als Übernahme eines Gedankengebäudes einer Gruppe - bekommt den Charakter einer Gruppenideologie. Dann errichtet Glaube Mauern, verhindert freies und anregendes Zusammenleben. Darauf hinzuweisen bedeutet, einen reformatorischen Anfangsimpuls aufzugreifen: Den vielen - katholischen - Glaubensinhalten sollte der Glaubensakt des Einzelnen gegenübergestellt werden. Kein Fremder sollte das Recht haben, einzugreifen, Vorschriften zu machen, Weltbilder aufzuerlegen.

Entscheidend wäre es, diesen Impuls wieder aufzugreifen. Denn er könnte immun machen gegen die weltweiten Abgrenzungsbestrebungen, die »Glaubende« gegeneinander aufzubieten haben. Inquisition, Religionskriege, in unserer Zeit die Fatwa gegen Salman Rushdie, die religiös motivierte Ermordung Theo van Goghs, der Hype um die Mohammed-Karikaturen: Da wurden ungezählte »Gegner« verfolgt und ermordet.

Ausgrenzung hieß und heißt »Vernichtung des anderen«. Der jüngste Gaza-Krieg war eine Illustration für Samuel Huntingtons These vom Zusammenprall der Kulturen und Religionen. Zu etwas anderem sind solche geistigen Konstruktionen nicht fähig.

Verhaltenspsychologisch sind Gruppenideologien - folgt man dem Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick - durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

Der Blick wird von der eigenen Person weg- und auf einen »göttlichen Ursprung«, eine Stifterperson, auf die »reine Wahrheit« hingelenkt. Wichtig ist also - so lernt der Einzelne - irgendein Fixpunkt außerhalb seiner selbst. Er selbst ist demnach nicht so wichtig, allenfalls Element in einem umfassenden »Heilsplan«.
Solche Gedankensysteme produzieren Probleme, die es ohne sie nicht gäbe. Ein eklatantes Beispiel dafür ist das Theodizeeproblem mit der Frage: »Warum lässt Gott das Leid zu?«
Die eigene Ideologie wird als die einzig wahre angesehen - weswegen man Andersdenkenden in Religions- oder weltanschaulich motivierten Kriegen versucht den Schädel einzuschlagen.
Nachweisen kann ein solches Gedankensystem die eigene Wahrheit und Unfehlbarkeit natürlich nicht. Wahrheit und Unfehlbarkeit sind vielmehr nur mit struktureller Gewalt durchzusetzen, auf bürokratischem Instanzenweg.
Diejenigen, die einem solchen Glaubenssystem nicht folgen wollen, werden zu Abweichlern, zu »anderen«, zu Häretikern gestempelt, die es entweder zu verfolgen oder zumindest rabiat auszugrenzen gilt.
Wie verhalten sich derartige Ideologien zur persönlichen

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