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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2019
Regt! Euch! Ab!
Analyse einer gereizten Gesellschaft
Der Inhalt:

Ehrfurcht vor dem Leben – oder Rassenwahn?

von Wolf Südbeck-Baur vom 25.01.2019
Ein Gespräch mit Hartmut Arras über seinen Vater Erwin, der zuerst eine bewundernde Arbeit über Albert Schweitzer schrieb und dann zum Nazi wurde

Erwin Arras war beim Feldjägerdienst, einer rechten, kaum bekannten Geheimorganisation während der Weimarer Republik. Sein Sohn, Hartmut Arras, hat dokumentiert, wie sein Vater zum kompromisslosen Propagandisten von Hitlers menschenverachtender Rassenideologie wurde.

Publik-Forum: Hartmut Arras, in Ihrem Buch über Ihren Vater zeigen Sie, dass er als NS-Presseamtsleiter in der Provinz ein verbaler Überzeugungstäter mit quasireligiöser Inbrunst war. Er verschrieb sich Hitlers Vernichtung »unwerten Lebens«. Wie passt das zu seiner intensiven Beschäftigung mit dem Theologen und Arzt Albert Schweitzer?

Hartmut Arras: Ich war erstaunt, dass sich mein Vater in seiner Diplomarbeit 1928 positiv mit Albert Schweitzer auseinandergesetzt hat und seinen Grundsatz »Ehrfurcht vor dem Leben« begeistert unterstützte. Ich kann mir den erschreckenden Widerspruch zu seiner späteren Propaganda nur so erklären, dass er seine Diplomarbeit rein opportunistisch schrieb, um das Handelslehrerdiplom zu erlangen.

Sie sehen Sie in dieser Arbeit über Albert Schweitzer eine Schlüsselstelle im Leben Ihres Vaters. Warum?

Arras: An diesem Punkt hätte er sich entscheiden können: Gehe ich in die Richtung von Albert Schweitzers ethischem Grundsatz »Ehrfurcht vor dem Leben«? Oder in die von Hitlers rassistischer Blut-und-Boden-Ideologie? Er hat sich unbeirrt für Hitler entschieden, für eine Weltanschauung, in der er sich durch die Mitgliedschaft im rechtsradikalen Feldjägerdienst bereits zu Hause fühlte.

Wieso trat der Gymnasiast Erwin Arras im Mai 1923 dem Feldjägerdienst bei?

Arras: Der Beitritt des 17-Jährigen zur Gruppe Damm im Raum Darmstadt lässt sich direkt mit der Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen und seine Begeisterung für den Saboteur Leo Schlageter erklären. 1905 geboren, gehörte mein Vater zur Kriegsjugendgeneration des Ersten Weltkriegs. Für die Front zu jung, waren sie alt genug, um sich 1923 für den bewaffneten Widerstand zu begeistern.

Woher diese Begeisterung?

Arras: Diese Generation war geprägt von der Siegespropaganda der Rechten während des Ersten Weltkriegs. Ferner wuchs sie auf in einer gewaltgesättigten Zeit nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches.

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