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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2019
Regt! Euch! Ab!
Analyse einer gereizten Gesellschaft
Der Inhalt:

»Dann flogen Molotowcocktails«

von Anke Lübbert vom 25.01.2019
Klara Fries engagiert sich in Anklam für den »Demokratiebahnhof« und gegen Rechtsextremismus

Für viele Jugendliche in Anklam ist der »Demokratiebahnhof« ein zweites Zuhause. Das Jugendzentrum im alten Bahnhof ist jeden Nachmittag in der Woche geöffnet. Die Kinder und Jugendlichen machen Musik, schrauben, kochen, gärtnern bei uns. Mir ist total wichtig, dass sie nicht nur Angebote konsumieren, sondern mit entscheiden und mit organisieren. In Anklam gibt es eine starke rechtsextreme Szene, die viel Einfluss auf die Jugendlichen der Stadt hat. Deshalb ist eines unserer Anliegen, Akzeptanz für unterschiedlichste Menschen und Herkünfte vorzuleben und einen Freiraum zu schaffen, wo Jugendliche sich ausprobieren können.

Ein erster Höhepunkt war, als unser Jugendzentrum 2016 vor den Landtagswahlen gemeinsam mit der Band Feine Sahne Fischfilet ein Konzert veranstaltet hat. 2000 Leute haben mit uns vor dem Bahnhof gefeiert und ein Zeichen gesetzt, dass es in Mecklenburg-Vorpommern viele Orte gibt, die sich für Weltoffenheit einsetzen und das auch leben. Bis im Juni 2017 zwei Jugendliche, vermutlich aus der rechtsextremen Szene, Molotowcocktails in den Bahnhof warfen – in dem gerade eine Gruppe Jugendlicher übernachtete. Ich war auch dabei. Das war ein Schock, den wir als Gruppe Stück für Stück verarbeitet haben. Das Verfahren wegen versuchten Mordes läuft noch. Für mich war das nicht das erste Mal, dass ich persönlich angegriffen wurde: Schon ein Jahr vorher brannte der Kleinbus, mit dem Ehrenamtliche wie ich regelmäßig aus Greifswald nach Anklam fuhren, direkt vor meinem Fenster. Und nur einen Monat nach dem Anschlag auf den Bahnhof zündeten Unbekannte Mülltonnen vor meinem Zuhause an.

Bei der Verarbeitung dieser Attacken waren mir meine Freunde und meine Familie super wichtig. Toll war auch, dass Geldgeber wie die Bosch-Stiftung sagten: »Wir stehen voll hinter euch, macht eine Pause und nehmt euch Zeit!« Oder dass uns die städtische Wohnungsgesellschaft die Kaltmiete erlassen hat.

Jetzt, fast zwei Jahre nach den Angriffen, habe ich den Eindruck, dass die Angreifer genau das Gegenteil von dem bewirkt haben, was sie vermutlich angestrebt hatten. Zwar haben sich anfänglich Einzelne zurückgezogen. Doch vor allem spüre ich eine starke Solidarität: Den Bahnhof kennen Leute in ganz Deutschland, wir bekommen Spenden und auch mehr Unterstützung aus der Stadt. Noch immer ist das Haus eine große Baustelle, in d

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