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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2018
Publik-Forum Ausgabe 2/2018: 1968. Ein irres Jahr
Der Inhalt:

1968 Ein irres Jahr

Abiturfeiern gelten als spießig. Fromme Priesteramtsstudenten laufen zu marxistischen Gruppen über. Auf den Straßen rufen Menschen plötzlich »Ho, Ho, Ho Chi Minh«. Ein persönlicher Rückblick auf 1968

Geht’s noch? Es ist das Jahr 1968. Diskussion mit Johannes, der wie ich Mitglied in der Katholischen Jungen Gemeinde unseres Wohnortes nahe Frankfurt ist. Brav, konservativ, Vater führend in der CDU aktiv. Johannes will plötzlich die Polizei abschaffen. »Unsere Gesellschaft braucht keine Ordnungsmacht«, erklärt er, »das schafft sie selbst.« Ich denke: Spinnt der jetzt? Ich finde zwar auch, dass in der Polizei so mancher Schläger Unterschlupf gefunden hat. Aber die Polizei gleich ganz abschaffen? Das geht mir dann doch zu weit.

Ein Jahr später. Abitur. Sollen, wollen wir unsere erlangte Reife feiern? Staatstragende Reden? Steife Rituale? Nein, wollen wir nicht. Wir feiern privat. Auch der Direktor unseres Gymnasiums in Frankfurt am Main will nicht feiern. Er hat Angst vor Störungen, vor Vandalismus.

Und wieder ein Jahr später. Priesterseminar. Bei Tisch erfahre ich, dass Raimund, einer unserer frommsten Kommilitonen, in den Sommerferien Mitglied einer marxistisch-leninistischen Gruppe geworden ist. Mir rutschen glatt die Nudeln aus dem Mund. Bei den Jesuiten, die an der Frankfurter Philosophisch-Theologischen Hochschule studieren, gibt es eine Gruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Okay. Aber Marxist oder Leninist? Wenige Monate später kehrt Raimund dem Priesterseminar den Rücken.

In der deutschen Gesellschaft brodelt es in diesen Jahren. Kampf den patriarchalen Autoritäten, lautet das Motto. Kampf den multinationalen Ausbeuter-Konzernen. Die Studenten wollen eine antikapitalistische, sozialistische Gesellschaft ohne Alt-Nazis in führenden Positionen, ohne verstaubte Rituale, bürgerliche Spießigkeit und Enge, ohne Spekulanten und Bonzen. Von Revolution ist die Re