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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2013
Die Welt ist keine Kaffeetasse
Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können
Der Inhalt:

Nur Verwundete können heilen

von Christian Feldmann vom 25.01.2013
Wo stehe ich als Christ? Diese Frage bewegte den Priester und Aussteiger Henri Nouwen ein Leben lang, bis er seinem behinderten Freund Adam begegnete

Mit 39 Jahren stand der Priester und Psychologe Henri Nouwen, ein gebürtiger Niederländer, auf dem Gipfelpunkt seiner Karriere: Professor an der Yale University, internationales Publikum in seinen Seminaren und Trainingskursen, Veröffentlichungen in vielen Sprachen und Auflagen. Das war 1971. Mit 53 Jahren, inzwischen lehrte er in Harvard und gehörte zu den bekanntesten spirituellen Schriftstellern der USA, stieg er 1985 plötzlich und radikal aus der akademischen Welt aus.

Nouwen zog in eine kleine religiöse Kommune in Kanada, wo geistig Behinderte mit Nichtbehinderten zusammenleben. Ein Getriebener sei er gewesen, bekannte er selbstkritisch, hektisch und ruhelos, süchtig nach dem Beifall der Kollegen und abhängig vom Interesse der Studenten. Am Ende glaubte er sich die eigenen frommen Sprüche nicht mehr: »Welche Kraft verkehrte meine Berufung, Zeuge der Liebe Gottes zu sein, in einen ermüdenden Job? Vielleicht redete ich mehr über Gott, als dass ich mit ihm sprach.«

Viel Engagement, wenig Spiritualität

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. 1932 im Städtchen Nijkerk als Sohn eines Steueranwalts geboren, zeigte sich Henri schon als Kind ehrgeizig und energisch, springlebendig, immer voller Ideen und Tatendrang. Er spielte Priester und mit derselben Begeisterung Indianer, er scharte Freunde um sich und übernahm überall ganz selbstverständlich die Führungsrolle. Nach dem Abitur die übliche Priesterausbildung im Seminar des Bistums Utrecht – und, mit Zustimmung des legendären Kardinals Alfrink, ein Zusatzstudium der Psychologie an der Universität Nijmegen. Zwischendurch Seelsorgepraktika bei Minenarbeitern und bei Emigranten auf der Überfahrt nach New York. Zwei Jahre Psychiatrie, Pastoralpsychologie, Krankenhausseelsorge im Menninger-Institut in Topeka (Kansas).

In Europa war so ein fruchtbares Miteinander von Theologie und Psychologie damals noch komplett unbekannt. Zurück in Holland, lehrte er in Amsterdam und Utrecht – und scheiterte am Misstrauen zwischen den beiden Wissenschaften. Außerdem fühlte er sich nicht wohl in dem Klima, das in der niederländischen Kirche herrschte. Was viele als den großen nachkonziliaren Aufbruch bewunderten, schien ihm zu äußerlich, zu sehr an Strukturen orientiert. Viel gesellschaftspolitisches Engagement, wenig S

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