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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2013
Die Welt ist keine Kaffeetasse
Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können
Der Inhalt:

Die Freiheit des Anderen

von Bettina Röder vom 25.01.2013
Bei aller Liebe: Nicht alles lässt sich tolerieren. Über die Achtung des Anderen und die Grenzen der freien Selbstentfaltung. Ein Plädoyer für kämpferische Toleranz

Kalter Wind pfeift über den Berliner Gendarmenmarkt. Trotz Schnee und Kälte sind Touristen hier; gilt der Platz mit der Französischen Friedrichstadtkirche doch als einer der schönsten Europas. Entstanden ist er dank des großen Gedankens der Toleranz. Vor gut 350 Jahren, als die Hugenotten als Glaubensflüchtlinge vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm ins Land geholt wurden. Bekannte Namen wie Fontane, Lenné, de Maizière, de Haas – Menschen, die Kulturgeschichte geschrieben haben oder heute in der Politik, Kunst oder Wissenschaft eine Rolle spielen – erinnern an das damals erlassene Toleranzedikt, das bis heute fortlebt. Es erinnert aber auch daran, dass Toleranz immer dort beginnt, wo auch Grenzen gesetzt werden: Der Große Kurfürst hatte es verboten, dass Calvinisten und Lutheraner sich gegenseitig auf der Kanzel beschimpfen. Grenzen gab es auch beim Zuzug: 20 000 in Frankreich damals verfolgte Protestanten wurden ins Land gelassen.

Dieses Jahr nun hat die evangelische Kirche im Rahmen des Reformationsjubiläums zum Jahr der Toleranz erklärt. Doch wie steht es um die Toleranz in unserer Gesellschaft? Welche Chancen gibt es, sie – die für das gedeihliche und friedliche Zusammenleben unabdingbar ist – wieder neu ins Gespräch zu bringen?

Für Margot Käßmann, die Botschafterin der Reformationsdekade, ist das eine große Herausforderung. »Für Toleranz muss ich wissen, wo ich stehe, muss eine Grundüberzeugung haben, Grenzen erkennen. Das macht es mir eher möglich zu akzeptieren, dass andere eine andere Wahrheit und Überzeugung haben«, sagt sie gegenüber Publik-Forum. Sie formuliert damit ein Toleranzverständnis, wie es sich in Europa seit dem 18. Jahrhundert herausgebildet und stetig weiterentwickelt hat: »Toleranz« meint nicht einfach die ergebene Reaktion auf Unveränderbares und auch nicht nur ein Zugeständnis der Klugheit, sondern ist Ausdruck von Achtung gegenüber dem Anderen.

Das allerdings fällt nicht leicht in einer Gesellschaft, in der Beliebigkeit, Spaß und die Jagd nach dem Glück und schnellen Geld Hochkonjunktur haben, in der es kaum noch Grenzen zu geben scheint: weder im Wachstum noch im »Höher-schneller-weiter« noch in dem, immer noch perfekter, noch fehlerfreier werden zu sollen. Wie kann ich dieses Denken und handeln achten, wenn ich es für falsch halte? Darf ich es tolerieren, wenn dabei die »Nichtp

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