Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2012
Wenn Gott nicht eingreift
Theologen suchen neue Antworten
Der Inhalt:

Wenn Gott nicht eingreift

von Hartmut Meesmann vom 04.05.2012
Evolution und Freiheit: Das sind die Eckpunkte des modernen Weltverständnisses. An ihnen kann auch die Theologie nicht vorbeigehen. Was bedeutet das für die Rede vom allmächtigen Gott?

Der untersetzte Mann mit dem schelmischen Gesicht tritt ans Rednerpult. Er schlägt mit einem kleinen Klöppel an eine Klangschale, die vor ihm auf dem Pult steht. Nachdem der Gong verklungen ist, zwei Minuten Stille. Dann liest der Mann ein Gedicht von Rose Ausländer vor. »Mysterium«: »Die Seele der Dinge lässt mich ahnen die Eigenheiten unendlicher Welten/Beklommen such ich das Antlitz eines jeden Dinges und finde in jedem ein Mysterium/Geheimnisse reden zu mir eine lebendige Sprache/Ich höre das Herz des Himmels pochen in meinem Herzen.« Danach erklingt von einer CD Musik von Johann Sebastian Bach. Erst dann beginnt Peter Eicher mit seinem Vortrag.

Der gebürtige Schweizer war lange Jahre katholischer Professor für systematische Theologie an der Universität-Gesamthochschule Paderborn. Jetzt ist er pensioniert. Seit einigen Jahren lädt der Familienvater suchende und fragende Menschen in seine Heimat, ins Wallis, ein, um dort mit ihnen über Gott und ihr eigenes Leben zu sprechen. Es sind spirituell-therapeutische Gespräche.

An diesem Wochenende im Dezember ist Peter Eicher in der Katholischen Akademie Freiburg zu Gast. Das Thema lässt aufhorchen: »Weniger ist mehr – von der Religion zur Spiritualitä..« Und was der Theologe seinen rund achtzig Zuhörerinnen und Zuhörern vermittelt, ist im besten Sinne anstößig: Die Religion produziere zu viel Druck, zu viel Moral, zu viel »Du sollst« und »Du darfst nicht«, zu viel Absolutheitsanspruch, zu wenig Menschlichkeit. »Damit muss Schluss sein«, ruft Eicher ins aufmerksam zuhörende Auditorium. Im Laufe der zweitägigen Tagung entwickelt der Theologe dann in groben Zügen seine Position: dass eine spirituelle Haltung »tiefer religiös« sei als vieles von dem, was im institutionalisierten Christentum vertreten und geglaubt werde.

Worum müsste es in der Religion eigentlich gehen? Eichers Antwort: um Menschlichkeit, darum, »arglos Mensch sein zu dürfen« – im Vertrauen auf Gott. Wer heute an Gott glaube, tue dies jedoch in einer ganz anderen Weise, als es die kirchliche Tradition teilweise noch immer zu glauben vorgebe. Nämlich in einer aufgeklärt-modernen Weise.

Was aber heißt modern, also zeitgemäß, glauben? Ein Gottesglaube auf der Höhe der Zeit müsse zwei Grunderfahrungen anerkennen, so Eicher: die Autonomie des Kosmos und die Autonomie des menschlich

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen