Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2012
Wenn Gott nicht eingreift
Theologen suchen neue Antworten
Der Inhalt:

Priester im Rockergewand

von Martina Zimmermann vom 04.05.2012
Guy Gilbert ist in Frankreich Kult: Er setzt sich für schwierige Jugendliche ein und pflegt Freundschaften mit den »Großen«

In Frankreich ist er bekannt wie ein bunter Hund. Der 76-jährige Rocker mit Lederjacke, grauem schulterlangem Haar und Cowboystiefeln duzt jeden, redet in der Umgangssprache wie ein Halbstarker. Dennoch ist der Franzose Guy Gilbert katholischer Priester. Im Jahr 1978 machte ihn sein Buch »Ein Priester unter Halbstarken« bekannt. Neuerdings assistiert er dem französischen »Verteidiger der Rechte« Dominique Baudis – eine Mischung aus Ombudsmann und Antidiskriminierungsbehörde. Guy Gilbert ist dort für den Kinderschutz zuständig.

Seit 1974 kümmert sich der Priester auf seinem Bauernhof »Bergerie de Faucon« in der Provence um Jugendliche, mit denen keine andere Einrichtung zurechtkam. Wiederholungsstraftäter und Gewalttätige lernen im Umgang mit Tieren, Verantwortung zu übernehmen, auch für sich selbst. »Zootherapie« nennt Guy Gilbert diesen Ansatz. »Diese Jugendlichen hassen die Menschen, bei uns kümmern sie sich nach einer Stunde bereits um die Tiere.« Nur wenige der Hunderte von Jugendlichen, die auf dem Bauernhof gelebt haben, wurden rückfällig.

Bei den Wahlen 1978 stimmte er für die Kommunisten: »Meine politische Richtung kommt aus dem Evangelium. Ich bin für ein Maximum an Gleichheit und ein Minimum an Ungleichheit«, sagt Gilbert. 1995 schloss er mit Nicolas Sarkozy eine Freundschaft, die bis heute andauert: »Ich vermische nicht Politik und Freundschaft.« Als Sarkozy Präsident wurde und in den Vatikan reiste, nahm der ihn mit. Guy Gilbert hat den belgischen Prinzen Laurent getraut und den französischen Schauspieler Jamel Debbouze. Nennt man ihn selbst einen Star, empfindet er das als Beleidigung: »Ich pisse auf die Stars!«, sagt er. Die Umgangssprache ist eines seiner Markenzeichen.

Seit vierzig Jahren hat er sein Büro im 19. Pariser Arrondissement in einem Sozialwohnungsbau. Eine Mischung aus Kult, Kunst und Kitsch schmückt die Wände: Komiker Louis de Funès hängt neben Jesus, ein Gemälde von Guy Gilbert neben den Fotos vom Bauernhof und Johannes Paul II.

Der Erlös aus seinen fast zwanzig Büchern kommt »seinen« Strafgefangenen zugute – denen, die es trotz ihres Aufenthalts in der »Bergerie de Faucon« nicht in ein bürgerliches Leben geschafft haben. Zehn der zwanzig Erzieher auf seinem Bauernhof bezahlt er selbst, den Rest übernimmt der Staat. »Ich bin ein armer Typ, 63 Kilo, mit meinen Cowboystiefeln 1,73 Meter«, sagt er über sich selbst

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen