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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2011
Hilfe, Hass und Hexenwahn
Auf der Suche nach einem neuen Haiti
Der Inhalt:

Die Not der verfolgten Christen

von Thomas Seiterich vom 27.04.2011
Religionsfreiheit – ein Menschenrecht macht derzeit international Karriere. Zwischen trauriger Wirklichkeit und dem Produzieren von Feindbildern

Die Festmesse in der Neujahrsnacht ist ihr letzter Gottesdienst. Denn nach dem Segen explodiert ein Paket mit hundert Kilo Sprengstoff vor der koptischen Markus-und-Petrus-Kirche in der ägyptischen Mittelmeer-Metropole Alexandria. Neunzehn Kopten sterben, vier weitere erliegen später ihren Verletzungen. Während die Opfer um ihr Leben ringen, bekennt sich ein ägyptischer Ableger von Al Qaida im Internet zu dem Verbrechen. Wirre islamistische Hassbotschaften im Netz preisen den Massenmord als Heldentat zur Verteidigung des Islams. Die Kopten, ja nahezu alle orientalischen Kirchen, lebten schon ein halbes Jahrtausend in Ägypten, Palästina und beispielsweise dem Irak, bevor die ersten Muslime kamen. Doch der hieraus resultierende Respekt und die anderthalb Jahrtausende bewährte Gutnachbarlichkeit im Umgang der Mehrheit mit der Minderheit verliert sich zusehends. Vergessen ist auch, dass es im 20. Jahrhundert zuvorderst christliche Intellektuelle waren, die den Gedanken des arabischen Nationalismus und Panarabismus gegen die Westmächte entwickelten.

Doch heute: Die verdummende Propaganda der Islamisten stempelt Ägyptens traditionell patriotische Kopten, acht Millionen Bürger, zu einer Fünften Kolonne des US-Geheimdienstes CIA. »Die Verhetzung triumphiert«, sagt der kritische Ägyptenexperte Hamed Abdel-Samad und verweist darauf, dass es bereits viele Mord- und Gewalttaten gegen die Kopten gab, so die Neujahrsmorde 2010 in Nag Hammadi; Untaten, von denen jedoch die westliche Öffentlichkeit kaum etwas wissen wollte.

Christenverfolgung, Religionsfreiheit. Ein ernstes Thema macht Karriere. Seitdem 1999 der damalige US-Präsident Bill Clinton anordnete, künftig müsse die US-Regierung jedes Jahr einen ausführlichen Bericht über den Stand der Religionsfreiheit weltweit veröffentlichen, wird das Thema Christenverfolgung, für das sich seit dem Ende des Kalten Krieges fast nur noch Spezialisten und engagierte Kirchenmitglieder interessiert hatten, von Jahr zu Jahr wichtiger in der internationalen öffentlichen Wahrnehmung.

Dies hat insbesondere mit den Aggressionen zwischen Muslimen und Christen zu tun, die von der Westspitze Afrikas bis in den Süden der Philippinen aufeinandertreffen, als zwei große, machtbewusste Weltreligionen. Über die großen und kleinen Konflikte, au

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