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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2020
Zukünfte gesucht!
Wohin sich Politik, Kirchen und Gesellschaft entwickeln werden
Der Inhalt:

Im Fall von Herzschmerz

vom 17.01.2020
Kolumne von Katharina Müller-Güldemeister:

Ein Bekannter von mir ist gegen so ziemlich alles versichert. Blitzschlag und Hagel müssen ihn nicht schrecken; falls sein Zimmer abbrennt, kann er sich für 7000 Euro neu einrichten, und weil er sich beim Fußballspielen sein Knie kaputt gemacht hat, darf er sich jetzt auf einen vier- bis fünfstelligen Betrag freuen. Bald wird ein Arzt ein Gutachten darüber schreiben, wie stark das Gelenk beschädigt ist, und dann wird seine Versicherung ihm entsprechend Geld überweisen.

Ich war bisher zurückhaltend, was Versicherungen angeht. Das ändert sich allerdings gerade, weil ein Liebeskummer mein Wohlbefinden ganz erheblich stört. Seit Wochen habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, obwohl ich fast täglich vor dem Computer sitze. Für eine Abgabe wird es nun wirklich eng: Ich soll etwas über ein barockes Theaterhaus schreiben. Ich habe mir den Bau angeschaut und auch versucht, ein Buch darüber zu lesen. Pro Seite habe ich etwa eine halbe Stunde gebraucht, denn es gibt gerade nichts, was mich weniger interessiert als vergoldete Engel mit Posaunen in der Hand.

Ich komme nicht über den ersten Absatz hinaus. Wie in einem wahllos zusammengeschnittenen Film laufen vor meinem inneren Auge dauernd Szenen meiner vergangenen Beziehung ab. Und immer wieder füllen sich meine Augen mit Tränen. Abends gehe ich mit dem Gefühl nach Hause, mein Leben nicht auf die Reihe zu kriegen. Und morgens bleibe ich stundenlang liegen, starre an die Decke – oder aufs Handy – und hänge in sozialen Netzwerken rum. Wie viel besser wäre es, wenn ich statt Buchstaben aneinanderzureihen in die Sauna gehen könnte? Oder auf den Brocken steigen? Dann würde ich abends vielleicht auch müde ins Bett fallen, statt überraschungsarme Komödien anzugucken.

Ich wäre gerne frei von Deadlines und dem Druck, Geld verdienen zu müssen. Statt Verpflichtungen wünsche ich mir Schmerzensgeld – und ein angemessenes Budget zum Auf-den-Kopf-Hauen! Als ich das letzte Mal Liebeskummer hatte, fuhr ich den Pamir Highway von Tadschikistan nach Kirgistan mit dem Rad. Eine wirklich gute Erste-Hilfe-Maßnahme, um über vieles nachzudenken und mich körperlich abzureagieren. In der Zeit danach war ich allerdings ganz schön abgebrannt. Beim nächsten Liebeskummer will ich mir wenigstens um Geld keine Sorgen mehr machen müssen.

Auch ich werde schließlich älter, und so langsam stellt sich bei mir das Bedürfnis nach Sicherhe

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