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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2016
Ohne Hoffnung keine Zukunft
Der Inhalt:

Der Aufräumer

von Eva-Maria Lerch vom 15.01.2016
Aufgefallen: Der streitbare linke Jude Stephan Kramer ist jetzt Präsident des desolaten thüringischen Verfassungsschutzes

Es gibt wohl keine Behörde in Deutschland, die so übel, inkompetent und verkommen dasteht wie der Thüringer Verfassungsschutz. Und es gibt derzeit wohl keine aktuelle Personalentscheidung, die so exotisch ist wie diese: Ausgerechnet der streitbare »Agent Provokateur« und jüdische Aktivist Stephan Kramer steht seit Dezember 2015 an der Spitze des Thüringer Geheimdienstes. Dabei gehörte er mal zu denen, die den Verfassungsschutz ganz abschaffen wollten.

Eine »irre Wendung« nannte die taz die Ernennung. Die Zeit verglich den neuen Geheimdienstchef mit einem »Zirkuspferd«, der »statt des erwarteten Ackergauls« nach Thüringen getrabt sei. Und die Berliner Zeitung staunte: »Ein deutscher Jude – zuständig für die Aufräumarbeiten in einer vom NSU verursachten Trümmerlandschaft«. Wahrscheinlich ist es aber genau das, was den Mann mit dem kurzen grauen Bart und der randlosen Brille aus der Sicht des linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow für den Job qualifiziert hat: Kramer ist alles andere als betriebsblind und ganz sicher nicht verheddert in die kruden Strukturen und Männerbünde der Schlapphüte, die den NSU-Terror nicht nur nicht bekämpft, sondern sogar mittels Sabotage unterstützt haben sollen.

Er selbst hat sich lange gefragt, warum er das überhaupt machen soll: »Muss man sich auf diesen Job einlassen, nachdem so eine Katastrophe geschehen ist?« Und sich dann doch dafür entschieden.

Der Familienvater, der regelmäßig mit seinen beiden Kindern in Berlin zum Beten in die Synagoge geht, stammt ursprünglich aus Siegen. Erst als Erwachsener ist Kramer zum Judentum konvertiert, war persönlicher Referent des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, den er bis heute als seine »Vaterfigur« bezeichnet. Zehn Jahre war er Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland und Leiter des Berliner Büros des European Jewish Congress. Sein streitbares Temperament sorgte auch hier immer wieder für offene Auseinandersetzung – ob es um innerjüdische Organisation, das NPD-Verbot oder die Beschneidungsfrage ging. Erst vor ein paar Monaten hat er einen Master in Sozialpädagogik erworben. Vorher hat er 15 Jahre Jura studiert, aber nie ein Examen gemacht – was seine Qualifikation als Amtsleiter in den Augen vieler

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