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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2015
Die bedrohte Demokratie
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Zukunftsmusik

vom 16.01.2015

Bisweilen haben Pfarrer ein echtes Hygieneproblem. Warum? Das kann ich Ihnen sagen: Weil immer dann, wenn ich unter die Dusche steige, das Telefon klingelt. Jedes Mal. Wirklich.

Sobald ich den Hahn aufdrehe: Klingeling. Manchmal frage ich mich, ob sich da nicht irgendwo ein NSA-Mitarbeiter einen Riesenspaß macht. Kaum rauscht das Wasser, schreibt er eine Mail an alle Seelsorgebedürftigen Europas: »So! Jetzt! Ruft ihn an!«

Und wenn sich dann das impertinente Läuten wieder mal zwischen Dusch- und Pfarrerkopf drängt, mahnt natürlich sofort mein pastorales Berufsethos: Was, wenn jetzt der sagenumwobene Selbstmordkandidat auf dem Hochhausdach dran ist, der Lebensmüde, der in letzter Verzweiflung den Ortsgeistlichen kontaktieren möchte? Könnte ich mit der Schuld leben, dass mir meine Achselhöhlen wichtiger waren als das Leid da draußen?

Nein, natürlich nicht. Also steige ich – von oben bis unten eingeschäumt – aus der Duschkabine, springe in meinen Bademantel und hetze zum Telefon. Meist ist dann meine Mutter am Apparat. Oder ein Gemeindemitglied, das kurz wissen möchte, ob am Sonntag im Gottesdienst statt Chrysanthemen auch eine Bougainvillea auf dem Altar recht wäre. Da ich beides nicht kenne, sage ich oftmals »Ja«. Während der Schaum aus meinen Haaren geschmeidig um den Hörer fließt.

Aber siehe da: Letzte Woche war tatsächlich ein ratsuchender Mensch dran. Gott sei Dank. Eine Frau, die angesichts des anbrechenden Jahres voller Zukunftsangst war. (Ich habe sie natürlich gefragt, ob ich anonymisiert von unserem Gespräch erzählen darf!)

Die Anruferin – nennen wir sie mal Annette – klang sehr bedrückt: »Sagen Sie, Herr Pfarrer, ist eigentlich alles, was uns passiert, vorherbestimmt?« Puh, dachte ich, so ein entspanntes Thema am frühen Morgen.

Vorsichtig antworte ich: »Ich persönlich glaube das nicht. In der Bibel wird so viel von Freiheit geredet, davon, dass ein Mensch sich für oder gegen etwas entscheiden kann – das passt für mich nicht zu der Vorstellung, dass es eine Prädestination gibt.«

»Aber Gott hat einen Plan für mein Leben, oder nicht?«

Na klasse! Eine Hammerfrage nach der anderen. Also noch diplomatischer: »Ja, ich bin überzeugt, dass Gott jedem Menschen bestimmte Möglichkeiten mitgibt, aber man kann seine Begabungen sicherlich

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