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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2011
Basteln am Selbst
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Der Inhalt:

Der Klatsch

von Doris Weber vom 27.04.2011
Die Zunge ist ein ruheloses Übel. Was soll ein Mensch gegen Tratsch, Gerüchte und Verleumdung tun? Am besten nichts

Schon in der Bibel steht geschrieben: »Lasset kein faul Geschwätz aus eurem Munde gehen.« Böses Geschwätz verdirbt gute Sitten. So ist die Zunge ein kleines Glied und rühmt sich großer Dinge. Sie ist ein ruheloses Übel voll tödlichen Giftes.

KLATSCH – welch ein Wort. Fast so hässlich wie jene, die es tun. Moritz Lazarus, ein Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, spuckte es angeekelt wieder aus. Das K und das L, so der Buchstabengourmet, sind gerade noch zum Verzehr geeignet, Konsonanten seien ehrbar, »weil sie indogermanisch ›Klang‹ bedeuten, aber dann – igitt – das TSCH am Ende, welch scheußlicher Nachgeschmack, bloß dumpfer, zischender Naturlaut …«

Von wegen zischender Naturlaut, lieber Herr Lazarus, die in Brasilien lebenden Mehinaku-Indianer zischen nicht ein einziges Mal, wenn sie »Miyeipyenukanat« sagen, was so viel wie »Müllplatz-Mund« heißt. Wem also der Klatsch auf der Zunge zergeht, dessen Mund wird augenblicklich ein Müllplatz, dort sammeln sich die Bazillen der schwarzen Seele. Die Zunge in besagtem Müllplatz-Mund ist übrigens dreigezackt, weiß der babylonische Talmud zu berichten, weil sie drei Menschen zerstört: denjenigen, der den Klatsch verbreitet, denjenigen, der ihm zuhört, und denjenigen, von dem er handelt. Obwohl der Klatsch männlich ist, es heißt schließlich der Klatsch und nicht die Klatsch, hält sich seit der Erbsünde hartnäckig das Gerücht, nur Frauen würden tratschen. Na ja, es ist eben leichter, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil … und auf die Männer kommen wir später noch zu sprechen. Auf jeden Fall, so lokalisierte der Schriftsteller Klaus Thiele-Dohrmann, muss es am Dorfbrunnen passiert sein, wo Frau Gevatterin zur Klatschbase wurde. Als sie dort im Kreise ihrer Nachbarinnen die Familienwäsche wusch und anschließend auf Steinen ausschlug, sei es dabei zu Wasch- und Klatschgeräuschen gekommen, die so ähnlich geklungen haben müssen wie tratschhaftes Gerede aus weiblichen Müllplatz-Mündern. Bis heute wird bei dummem Gewäsch immer noch schmutzige Wäsche gewaschen. Und dabei kommt es eben zu besagten Klatschgeräuschen. In seinem sehr unterhaltsamen und aufklärenden Buch Der Charme des Indiskreten – eine kleine Geschichte des Klatsches, fand Klaus Thiele-Dohrmann noch eine andere Erklärung für das Wort Klatsch: Im Altertum wurde nicht nur Beifall, sondern auch Ablehnun

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