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»Wir werden zurückkehren«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 30.11.2017
Es klingt wie Hohn, aber das Flüchtlingslager an der Grenze zu Bethlehem heißt tatsächlich Aida – so wie der bekannte Kreuzfahrtsanbieter, mit dem Millionen Urlauber jährlich die Welt entdecken. Die Menschen im Aida-Camp haben nicht einmal den Hauch einer Chance, die Welt zu entdecken ...
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Sheik Suleiman: Auf sein Zelt prasseln nachts die Steine. (Foto: Rheinheimer)
Sheik Suleiman: Auf sein Zelt prasseln nachts die Steine. (Foto: Rheinheimer)
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Ihr Schicksal ähnelt eher dem der Königstochter Aida aus Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper, die als Geisel verschleppt wird. Die Männer, Frauen und Kinder im Aida-Camp im Westjordanland sind Geiseln einer Besatzungsmacht, die fast wöchentlich Tränengas versprüht. Sie sind Geiseln einer korrupten palästinensischen Führung, die so gut wie keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung hat und seit Jahren per Dekret regiert. Und sie sind Geiseln der Weltgemeinschaft, die zusieht, wie erneut Mauern entstehen, wie Menschen ihr Land genommen wird, ihre Hoffnung, ihre Zukunft. Zerrieben zwischen den Fronten sind die hier lebenden palästinensischen Flüchtlinge Gegenstand von zahlreichen Konferenzen, Studien und Diskussionsrunden, die meist in klimatisierten Konferenzräumen oder edlen Restaurants stattfinden. Die Menschen dahinter sieht kaum jemand, sie gehen unter in kalten Zahlen, Daten, Fakten.

Das Erste, was auffällt, wenn man Jerusalem verlässt und sich dem Aida-Camp nähert, sind die Graffitis an den Wänden. Sie prangen nicht an irgendwelchen Wänden – sondern an der Mauer, die Israel illegal errichtet hat. Es sind bunte Bilder und Sprüche: Ein Tiger, neben dem steht: »Here, only tigers can survive.« Die Landkarte Palästinas, darüber auf Arabisch und Englisch die Worte »We will return.« Eine Friedenstaube, daneben in großen Lettern: »Here are God’s children on both sides of the wall.« Aber auch ein Graffiti, das Leila Khaled zeigt, eine palästinensische Guerillakämpferin, die 1969 und 1970 an zwei Flugzeugentführungen beteiligt war.

Den Eingang des Flüchtlingslagers markiert ein riesiges Tor, auf dem ein überdimensionaler Schlüssel thront. Er steht symbolisch für die Rückkehr der Palästinenser in die Orte, aus denen ihre Vorfahren vertrieben wurden. Denn jede Familie, so heißt es, hat noch einen Schlüssel von den Häusern ihrer Kindheit und der ihrer Großeltern und Urgroßeltern.

Heilig ist nichts in diesem Land

Bethlehem liegt um die Ecke, und doch will mich überhaupt kein Gefühl der Verzauberung überkommen angesichts dessen – ganz im Gegenteil. Heilig ist nichts in diesem Land, so scheint es mir, trotz der vielen religiös-historischen Stätten in der Umgebung. Vom Dach einer UN-Schule aus sieht man das Grab von Rachel, der Lieblingsfrau Jakobs aus dem Alten Testament, die im Judentum zu den »Müttern Israels« gezählt wird. Man sieht den Reisebus mit israelischen Pilgern, die dorthin gefahren werden – und man sieht die Wachtürme an der Mauer, die in so unheimlicher Weise an die Mauer erinnert, die die innerdeutsche Grenze markierte.

Die Pilger sind in kürzester Zeit angekommen an ihrem Ziel, ihr Bus fährt auf einer eigens dafür vorgesehenen Straße. Die Palästinenser, so erfahren wir, brauchen durchschnittlich drei Stunden, um vom Aida-Camp aus nach Jerusalem zu gelangen. Mit dem Auto sind es keine zwanzig Minuten. Wegen der strengen Sicherheitsüberprüfungen müssen sie stundenlang an den Checkpoints anstehen, und in Jerusalem ist es Palästinensern verboten, Auto zu fahren.

Was wollen die Soldaten hier?

Auf dem Weg von der UN-Schule zu einem Spielplatz im Lager – einem absoluten Highlight, auf das hier alle sehr stolz sind – werden unsere palästinensischen Begleiter plötzlich sehr nervös. Sie haben einen Jeep der israelischen Armee ausgemacht, der keine hundert Meter entfernt angehalten hat. Was wollen die Soldaten hier? Das weiß keiner so genau. Immer wieder tauchen sie plötzlich auf, es kann gut sein, dass im nächsten Moment Tränengas versprüht wird oder jemand mitgenommen wird, erklärt man uns. Der große, schwarze Jeep, der langsam auf uns zurollt, sieht furchteinflößend aus. Wer im Inneren sitzt, kann man nicht erkennen.

Und dann folgt der Moment, in dem mir das erste Mal während dieser Reise die Tränen kommen – völlig unerwartet für mich selbst. Wir stehen vor dem Plakat eines 13-jährigen Jungen, Aboud Shadi, der hier an dieser Stelle vor zwei Jahren von einem israelischen Scharfschützen getötet wurde. Der Heckenschütze saß in einem knapp zweihundert Meter entfernten Wachturm, der Junge kam von der Schule. Er habe einfach mit seinen Freunden hier herumgestanden, beteuern hier alle, als er tödlich getroffen wurde. Sein Vater sah ihn erst im Krankenhaus wieder, da war er schon tot.

Der Vater, der als Hausmeister an der UN-Schule arbeitet, steht uns gegenüber. Ich sehe das Bild seines Sohnes, sehe ihn an und lege die Hand aufs Herz als Zeichen des Mitgefühls. Er blickt mich an, seine Augen sind freundlich, aber lächeln kann er nicht mehr. Nicht in diesem Moment, und nicht in der halben Stunde, die darauf folgt. Und als ich in sein Gesicht blicke, ist da vor allem eine Leere, die mich tief betroffen macht. Das ist der Moment, in dem meine Augen feucht werden. Vielleicht, weil in diesem Augenblick die vielen Zahlen, die ich in den letzten Tagen gehört habe, die harten Fakten und die Erzählungen über Angriffe, Schikanen und Ungerechtigkeit ein Gesicht bekommen: Das des Vaters, der nicht mehr lächeln kann. Eines Mannes, der nicht nur um seine anderen vier Kinder jeden Tag Angst hat, sondern um alle Kinder der Schule, wie er sagt.

Mein Handy heißt mich mal in Israel, mal in Palästina willkommen

So langsam fällt es mir schwer, all die vielen Eindrücke wirklich aufzunehmen und zu verarbeiten – dabei ist es erst der vierte Tag. Tausend Bilder schwirren mir im Kopf herum, und je mehr Geschichten ich von den Menschen vor Ort höre, desto verwirrender erscheint alles, desto mehr Fragen habe ich. Verwirrt ist sogar mein Handy, das mich alle paar Stunden per SMS abwechselnd in Israel und Palästina willkommen heißt.

Ich wünschte, ich könnte mehr Zeit hier verbringen, um wirklich einzutauchen in das Leben und die Geschichten der Menschen. Denn kaum hat man ein Gespräch angefangen – mit dem Hausmeister einer Schule, mit einem israelischen Soldaten oder einem palästinensischen Beduinen (der von allen dreien am besten Englisch spricht, nämlich fließend!) – heißt es vonseiten der Organisatoren schon wieder: Los, wir müssen weiter. Und so bleibt es häufig bei flüchtigen Eindrücken, bei Situationen, die sich vor meinem inneren Auge noch einmal abspielen, wenn ich versuche, die verschiedenen Erlebnisse wie die Teile eines Puzzles zusammenzusetzen.

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Die Bilder in meinem Kopf

Der Kindergarten in Hebron, wenige Meter oberhalb des israelischen Checkpoints gelegen: Ein Kindergarten mit palästinensischer Flagge – und Stacheldraht. Die Kinder lachen trotzdem, begrüßen uns per Handschlag.

Die junge deutsche Juristin, die für die israelische Menschenrechtsorganisation »Yesh Din« Palästinener unterstützt, die von ihrem Land vertrieben werden oder die Siedlergewalt erleben.

Der Physiotherapeut, der vom Dach eines Krankenhauses aus mit der Hand zu einem wenige hundert Meter entfernten Gebäude zeigt. »Das war früher meine Schule«, sagt er. Heute ist es eine Synagoge; die Straße, in der sie steht, darf er nicht einmal betreten.

Der Fahrer unseres Minibusses, der auf die Frage, ob eine Einigung zwischen Hamas und Fatah Frieden bringen könnte, wie aus der Pistole geschossen antwortet: »Impossible!« – unmöglich.

Der alte Scheich eines Beduinenstammes, auf dessen Zelt nachts Steine niederprasseln, die israelische Siedler von nebenan werfen, ohne dafür belangt zu werden.

Die 83-jährige Israelin, deren Eltern 1933 von Berlin nach Palästina flohen. Sie begleitet Palästinenser in den besetzten Gebieten zu israelischen Polizeistationen, damit sie überhaupt eine Chance haben, dass Fälle von Gewalt zur Anzeige kommen, damit der Gerechtigkeit wenigstens in Ansätzen Genüge getan wird.

Und dann ist da Hebron, die Stadt, die mehrfach in der Bibel erwähnt ist, die Stadt, die Juden und Muslimen heilig ist, weil der Prophet Abraham hier begraben liegen soll – die Stadt, die heute bekannt ist für besonders radikale Siedler. Die einstige Hauptstraße liegt heute leer und verlassen da, die Altstadt Hebrons, die noch vor zwanzig Jahren als das Zentrum der Region galt, ist wie ausgestorben. 550 Läden mussten auf militärischen Befehl hin schließen. Denn zwischen den Häusern der Palästinenser befinden sich israelische Siedlungen, die scharf bewacht werden und in deren Nähe kein Palästinenser auch nur einen Fuß setzen darf. Etwa fünfhundert bis sechshundert Siedler leben hier, beschützt werden sie von rund zweitausend israelischen Soldaten.

Wir erreichen eine Straßensperre, an der wir durch eine Art Drahtkäfig müssen, Sicherheitsschleusen wie am Flughafen. Wir piepen, werden aber trotzdem nicht kontrolliert – bei der Gruppe mit den UN-Begleitern ist man wohl großzügig. Etwa fünfhundert Meter weiter ein anderer Checkpoint. Die normale Straße dürfen nur Israelis benutzen und internationale Besucher. Palästinenser müssen einen kleinen Pfad nehmen, der in einem großen Bogen drumherum führt. An dem israelischen Grenzposten stehen Soldaten, von denen einer aussieht wie ein Kind. Auch die anderen dürften kaum älter als 18, höchstens zwanzig sein.

Wir wechseln ein paar Worte mit ihnen, einer der schwer bewaffneten Jungs ist in Stuttgart aufgewachsen. Er leistet hier den für Israelis verpflichtenden Militärdienst ab. Ein paar Sätze tauschen wir aus, ein Foto dürfen wir machen, dann geht es schon wieder weiter. Mir gehen die Kinder auf beiden Seiten nicht aus dem Kopf. Und auch wenn ich mich selbst naiv schimpfe, vielleicht sogar kitschig, kann ich den Gedanken nicht verdrängen, dass der 13-jährige Palästinenser, der nun tot ist, und dieser junge israelische Soldat vielleicht Freunde hätten werden können. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit – in einem anderen Leben.

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