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Was passiert in Gaza?

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 21.04.2018
Während Israel derzeit den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung feiert, ist dieses Datum für Palästinenser verbunden mit Leid und Vertreibung. Im Gazastreifen demonstrieren die Menschen. Doch die Proteste – und deren blutige Niederschlagung durch das israelische Militär – werden hierzulande kaum wahrgenommen. Matthias Schmale leitet das UN-Flüchtlingshilfswerk im Gazastreifen. Publik-Forum hat ihn telefonisch in Gaza erreicht
Palästinensische Demonstranten gehen bei Protesten im Gaza-Streifen in Deckung: "Mit großer Sorge schauen viele Menschen dem 15. Mai entgegen, dem Tag der Nakba. Noch dazu hat Donald Trump angekündigt, just am Tag zuvor die US-Botschaft in Jerusalem eröffnen zu wollen", sagt Matthias Schmale (rechts).  (Fotos: pa/ Talatene; pa/Nassar)
Palästinensische Demonstranten gehen bei Protesten im Gaza-Streifen in Deckung: "Mit großer Sorge schauen viele Menschen dem 15. Mai entgegen, dem Tag der Nakba. Noch dazu hat Donald Trump angekündigt, just am Tag zuvor die US-Botschaft in Jerusalem eröffnen zu wollen", sagt Matthias Schmale (rechts). (Fotos: pa/ Talatene; pa/Nassar)

Herr Schmale, im Gazastreifen protestieren rund 30 000 Palästinenser für ein »Recht auf Rückkehr«. Wie ist die Lage?

Matthias Schmale: Die Entwicklungen sind besorgniserregend. Es gab in den letzten Monaten vermehrt Selbstmordversuche, teilweise erfolgreich. Noch immer ist die humanitäre Lage katastrophal. Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt, während die Qualität des Wassers dramatisch abnimmt. Strom gibt es nach wie vor nur wenige Stunden am Tag. Rund eine Million Menschen sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Und der Versöhnungsprozess zwischen Hamas und Fatah ist wohl endgültig zum Erliegen gekommen. Der »Great March of Return« muss also gesehen werden als Ausdruck einer tiefen Krise.

Wie bewerten Sie die Proteste?

Schmale: Die Palästinenser protestieren zum allergrößten Teil friedlich. Die überwiegende Mehrheit will ihrer Frustration, ihrem Ärger und ihrer Hoffnung auf Rückkehr gewaltfrei Luft machen. Das wird nicht genügend zur Kenntnis genommen, weder von israelischer Seite noch von anderen Staaten. Hervorgehoben werden stattdessen einzelne Ausschreitungen – und die Rolle der Hamas.

Hat die Hamas die Proteste angezettelt?

Schmale: Im Gazastreifen läuft nichts, ohne dass die Hamas es toleriert oder sich einmischt. Die Mehrheit der Demonstranten ist aber da, damit die Welt sieht, dass dies eine neue Form von Intifada ist – eine friedliche.

Wenn Autoreifen angezündet, Steine geworfen und israelische Flaggen verbrannt werden, sieht das nicht gerade friedlich aus...

Schmale: Das stimmt, allerdings ist die Wahrnehmung hier etwas anders. Die Demonstranten haben diskutiert, ob sie Schuhe in Richtung Grenze werfen sollten. In der arabischen Welt ist das ein Zeichen von Abwertung und Schmach. Über soziale Medien ist zu erfahren, dass dieser Schritt aber als zu aggressiv angesehen wurde; sie haben sich stattdessen zu einer aus ihrer Sicht weniger provokanten Maßnahme entschieden, nämlich israelische Flaggen anzuzünden. Wohlgemerkt finden all diese Aktionen auf palästinensischem Territorium statt. Die meisten Demonstranten wahren den Abstand von 700 Metern zur Grenzanlage, wie es die Israelis vorgeschrieben haben. Meines Wissens nach gab es bisher keine große Anzahl von Leuten, die versucht haben, die Grenze gewaltsam zu stürmen. Bloß einige tollkühne Jugendliche haben sich weiter vorgewagt.

Israel reagiert darauf mit aller Härte. Mehrere Demonstranten wurden erschossen...

Schmale: Die Reaktion der Israelis ist völlig unverhältnismäßig. Ich verstehe israelische Sicherheitsbedenken, aber dass man sofort schießt, anstatt mit normalen polizeilichen Mitteln wie Wasserwerfern zu agieren, ist inakzeptabel. Israelische Soldaten sind ja keiner großen Gefahr ausgesetzt. Sie sitzen in hochgesicherten Grenzanlagen oder Panzern. Steine oder vereinzelte Molotowcocktails können ihnen da wenig anhaben. Wie UNO-Generalsekretär Antonio Guterres eingefordert hat, muss es eine unabhängige Untersuchung geben, damit die Vorgänge gerecht und auf Fakten basierend beurteilt werden können. Bisher verweigert die israelische Regierung das.

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Was erwarten Sie jetzt von Deutschland?

Schmale: Ich würde mir wünschen, dass die internationale Staatengemeinschaft und auch Deutschland die israelische Regierung stärker in die Verantwortung nimmt. Es gibt ja kaum einen Aufschrei über das, was hier geschieht. Die Leben der dreißig erschossenen Palästinenser scheinen wenig zu zählen. Das wird hier deutlich zur Kenntnis genommen, und zwar sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk betreibt im Gazastreifen unter anderem Schulen und Gesundheitszentren. Wie sieht die Lage da aus?

Schmale: In unsere Gesundheitszentren kommen viele Verletzte, die wir dann an die Krankenhäuser verweisen. Aber die sind heillos überfüllt und überfordert. Da fehlt es hinten und vorne an Medikamenten. Es herrscht Chaos. Kranke werden gebeten, die Krankenhäuser zu verlassen, damit als erstes Menschen mit Schussverletzungen behandelt werden können. Die größte Sorge unseres eigenen Gesundheitspersonals ist, dass bei vielen Verletzten Nachbehandlung über mehrere Monate hinweg notwendig sein werden, und dass auf längere Sicht Menschen mit bleibenden Behinderungen betreut werden müssen.

Und in den Schulen?

Schmale: Der Klassenbetrieb geht weiter, und neulich haben wir in einer der Schulen eine neue Bibliothek eröffnet. Auf den ersten Blick scheint alles normal zu laufen, aber das täuscht, da die Kinder mit psychologischen Auswirkungen zu tun haben. Zum Beispiel sind zwei Kilometer weiter am Tag zuvor Demonstranten erschossen worden, darunter ein Kind, das auf eine unserer Schulen ging. Die Mitschüler haben am nächsten Tag ein großes Bild von ihm auf ihre Stühle im Klassenzimmer gelegt. Was uns neben den aktuellen Protesten große Sorgen macht, ist die prekäre Lage des UN-Flüchtlingshilfswerks, sind die fehlenden Gelder, um den Unterricht über dieses Schuljahr hinaus weiter zu garantieren.

Die USA haben vor einigen Monaten beschlossen, die bereits zugesagten Hilfsgelder an das UN-Flüchtlingswerk in Höhe von 300 Millionen Dollar einzufrieren.

Schmale: Damit ist ein Viertel unseres gesamten Jahreshaushalts weggebrochen. Das konnten wir bisher einigermaßen kompensieren, auch durch die Unterstützung der deutschen Regierung, aber wir stehen enorm unter Druck. Bis in die Sommermonate hinein können wir die UN-Schulen, Krankenstationen und andere Einrichtungen aufrechterhalten und unsere palästinensischen Mitarbeiter bezahlen. Wir sind immerhin der zweitgrößte Arbeitgeber hier im Gazastreifen. Aber was kommt danach? Ich kann nicht garantieren, dass unsere 275 UN-Schulen im Gazastreifen im August wieder aufmachen werden. Wir versorgen knapp eine Million Menschen mit Nahrungsmitteln. Auch diese Hilfe ist für das letzte Quartal 2018 noch nicht gesichert. Wir leben hier mit der konstanten Sorge, dass wir selbst die Basisdienstleistungen nicht mehr leisten können, weil die Mittel fehlen. So kann man nicht arbeiten! Und je schlimmer die humanitäre Lage, desto größer die Gefahr, dass sich das alles in Gewalt entlädt.

Die Palästinenser wollen noch bis zum 15. Mai marschieren. Womit rechnen Sie in den kommenden Wochen?

Schmale: Ich hoffe, dass beide Seiten besonnen auf Provokationen der jeweils anderen Seite reagieren. Mit großer Sorge schauen viele Menschen dem 15. Mai entgegen, dem Tag der Nakba, also der Vertreibung. Noch dazu hat Donald Trump angekündigt, just am Tag zuvor die US-Botschaft in Jerusalem eröffnen zu wollen.

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