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Was heißt hier Mitgefühl?

von Markus Dobstadt 25.03.2019
Im südlichen Afrika sind nach dem Zyklon Idai fast zwei Millionen Menschen von Wassermassen bedroht. Die Attentate im neuseeländischen Christchurch und im niederländischen Utrecht erschrecken die Welt. Der Dalai Lama hat 2017 ein »Zeitalter des Mitgefühls« ausgerufen. Wer zieht Konsequenzen?
Wasser, wohin man sieht: Teile von Mosambik sind infolge des Zyklons Idai überschwemmt, die Hafenstadt Beira ist fast völlig zerstört, auch Simbabwe und Malawi sind von der Katastrophe betroffen, fast zwei Millionen Menschen brauchen Nothilfe (Foto: pa/reuters/Sibeko)
Wasser, wohin man sieht: Teile von Mosambik sind infolge des Zyklons Idai überschwemmt, die Hafenstadt Beira ist fast völlig zerstört, auch Simbabwe und Malawi sind von der Katastrophe betroffen, fast zwei Millionen Menschen brauchen Nothilfe (Foto: pa/reuters/Sibeko)

Die Situation in Mosambik, Simbabwe und Malawi nach dem Tropensturm Idai ist verheerend. Wasser, wohin man sieht, wo vor kurzem noch Land war. Der Sturm war vor knapp zehn Tagen an die Küste von Mosambik getroffen. Von der Stadt Beira im Osten sind laut Spiegel.de 90 Prozent zerstört. Ein 25 Kilometer breiter und 125 Kilometer langer riesiger Binnensee hat sich ausgebreitet. Etliche Menschen haben tagelang auf den Dächern ihrer Häuser festgesessen, ohne Trinkwasser und Lebensmittel.

Viele Kinder haben ihre Eltern verloren

In kurzer Zeit ist in den betroffenen Regionen mehr Regen gefallen, als in Deutschland während eines ganzen Jahres. Weil es an Toiletten und sauberem Trinkwasser fehlt, steigt das Risiko, dass sich Krankheiten wie Malaria, Cholera und Typhus ausbreiten. Mehrere hundert Menschen sollen bislang ums Leben gekommen sein, insgesamt sind laut UNO-Schätzung 1,8 Millionen Menschen in der Region in Südostafrika betroffen. Eine unvorstellbar große Katastrophe.

Das Kinderhilfswerk World Vision weist besonders auf das Schicksal der Kinder hin, die ihre Eltern verloren haben. »Die Auswirkungen sind verheerend, und Kinder erzählen uns schreckliche Geschichten über ihre Erlebnisse. Babys, die im Hauptkrankenhaus von Beira behandelt wurden, starben, als der Strom für ihre Pflege ausging«, sagt Claire Rogers von World Vision aus Beira. World Vision will Schutzzentren für Waisen einrichten. Und der Schrecken geht weiter. Denn in dieser Woche drohen neue Niederschläge. In der Hafenstadt Beira werde bereits das Essen knapp, heißt es.

Für Trauer bleibt in den betroffenen Gebieten keine Zeit, denn viele kämpfen noch ums Überleben.

Trauerfeier mit 15.000 Menschen in Christchurch

Im neuseeländischem Christchurch versuchen die Menschen hingegen, den erlebten Schrecken, den ein Attentäter ihnen zufügte, zu bewältigen. Rund 15.000 Menschen kamen laut taz zur Trauerfeier im Hagley Park nach dem rechtsextremistischen Anschlag, bei dem 50 Menschen mutmaßlich von einem Einzeltäter in zwei Moscheen erschossen wurden. Mit zwei Schweigeminuten wurde im ganzen Land der Opfer gedacht. Der Imam dankte der Premierministerin Jacinda Adern. Sie war mit einem schwarzen Kopftuch, dem Hidschab, bekleidet nach Christchurch gekommen, hatte Hinterbliebene besucht und ein Zeichen des Mitgefühls für die muslimischen Opfer und ihre Familien gesetzt. »Danke, dass sie uns mit einem simplen Tuch geehrt haben«, sagte der Imam in seiner Ansprache im Hagley Park.

Auch in Utrecht hatte ein Attentäter Angst und Schrecken verbreitet. Am 18. März hatte ein 37-Jähriger in einer Straßenbahn um sich geschossen und drei Menschen getötet. Jetzt zogen Tausende bei einem Trauermarsch durch die holländische Stadt. Etliche Menschen legten am Tatort im Utrechter Viertel Kanaleneiland Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Die Menschen trauern um die Opfer.

Die Gesellschaften sind verletzlich – und werden immer wieder verletzt, ihre Offenheit nutzen Täter brutal aus. Auch, indem sie, wie in Neuseeland, ihre Gräueltaten live ins Internet übertragen. Und andere dazu anstacheln, es ihnen gleichzutun.

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Die verletzliche, genervte Gesellschaft

Dass die Unruhe und Aggressivität in den Gesellschaften generell zunimmt, ist vielfach zu spüren. Eine Verunsicherung greift um sich, die zu politischer Instabilität führt, und – in Einzelfällen – auch zu Verbrechen. »Regt! Euch! Ab!« titelte Publik-Forum in der zweiten Ausgabe des Jahres und analysierte, warum im alltäglichen Leben so viel gepöbelt, geschimpft und sogar geschlagen wird. Allein in in deutschen Arztpraxen kommt es einer Studie zufolge zu 75 gewalttätigen Vorfällen – pro Tag. Fehlender Respekt und ein hemmungsloser Egoismus brechen sich Bahn.

Die Welt ist in einem rasanten Veränderung begriffen, und nicht jeder kommt noch mit. Viele fürchten, wirtschaftlich abgehängt zu werden. Das Internet setzt uns zudem einem ständigen Strom aus Nachrichten, Meinungen, auch Pöbeleien, aus, die verarbeitet werden wollen. Und es gibt globale Entwicklungen wie internationale Spannungen oder die rasante Erderwärmung, die Angst machen.

Was die Erderwärmung angeht, ist die Angst zweifellos berechtigt, wie man gerade in Afrika beobachten kann. Klimawissenschaftler warnen seit Langem vor einer Zunahme von Wetterextremen infolge des Klimawandels.

Dalai Lama: »Seid Rebellen des Friedens«

Was kann man angesichts der Schreckensmeldungen tun? Der Dalai Lama hat 2017 in seiner Schrift »Seid Rebellen des Friedens« (Faites la revolution) ein »Zeitalter des Mitgefühls« ausgerufen. Ihm ging es darum, dass besonders die Jugend eine andere Haltung gegenüber der Welt einnimmt. Zum einen, um die heraufziehende ökologische Katastrophe noch abzuwenden: »Es ist also höchste Zeit für Mitgefühl, um die Art und Weise zu überdenken, wie wir mit der Erde umgehen und wie wir das Leben wieder zurückholen können«, schreibt der Dalai Lama.

Zum anderen möchte er, dass die Menschen lernen, anders miteinander umzugehen – als Gegenmittel gegen den Schwund des gesellschaftlichen Zusammenhalts. »Lasst uns Beziehungen schaffen, die durch Nähe, Vertrauen und gegenseitiges Verständnis gekennzeichnet sind, ohne uns von unterschiedlichen Kulturen, Philosophien, Religionen oder Glaubenssätzen beschränken zu lassen«, sagt der Dalai Lama.

Eine Haltung des Mitgefühls hat Konsequenzen. Mitgefühl gegenüber der Erde bedeutet: so nachhaltig leben, wie es geht. Und sich für eine klimafreundlichere Politik einzusetzen, wie es etwa die Schülerbewegung Fridays for Future macht. Sie heißt auch: bei Katastrophen, wenn möglich, etwas Geld spenden. Im südlichen Afrika unterstützen Hilfsorganisation wie Diakonie-Katastrophenhilfe, dieAktion Deutschland hilft, Caritas oder Unicef die Retter vor Ort. Eine Haltung des Mitgefühls heißt auch: sich einzusetzen für eine offene, vielfältige, demokratische Gesellschaft, in der Hass, Gewalt und Ausgrenzung nichts verloren haben.

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