USA: Das Martyrium der Flüchtlingskinder
Um Massendeportationen bei Nacht und Nebel zu verhindern und die weiterhin in Lagern festgehaltenen Kinder zu schützen, sind Bürgerrechts- und Einwanderungsanwälte mit Eilklagen vor Gericht gezogen. Sie vertreten Hunderte oft tief verstörte Kinder, die langsam erzählen, was sie in den Wochen ihrer Käfig- und Lageraufenthalte erlitten haben – wie sie bedroht und misshandelt wurden.
»Wenn ihr euch nicht benehmt, kommt ihr nie wieder raus«
Im Shiloh Treatment Center im texanischen Manvel mussten Neunjährige Psychopharmaka schlucken. Ihr Trinkwasser in Arizona kam aus der Toilette. Das Essen war verdorben, und sie mussten mit dünnen Decken auf eisigen Betonfußböden schlafen. »Ich habe mich wie ein Gefangener gefühlt«, sagt der neunjährige Brasilianer Diogo De OLivera. Fünf Wochen schlug er sich in einem Lager in Chicago durch, drei davon war er völlig von anderen isoliert, weil er Windpocken bekam. Die zehnjährige Sandy Gonzalez aus Guatemala war 55 Tage von ihrer Mutter getrennt. »Wenn ihr euch nicht benehmt, kommt ihr hier nie wieder raus«, haben ihr die Aufseher im texanischen Lager Harlingen gedroht. Jungs und Mädchen seien immer getrennt worden, erzählt Sandy einer Washington Post-Reporterin.Und wenn sie sich zu nahekamen, seien sie bestraft worden.
Nachdem sie die Beschwerden von 200 Flüchtlingskindern und -eltern über inhumane Bedingungen im Lager Rio Grande Valley angehört hatte, entschied die Richterin Dolly Gee in Los Angeles, einen unabhängigen Berichterstatter zur Überprüfung der Lager einzusetzen. Dafür plädiert auch der Anwalt Peter Schey vom Center for Human Rights and Constitutional Law. Alle Lager an der Südgrenze hätten ähnliche Probleme, sagt Schey: »Das Essen ist schlecht und reicht nicht. Es gibt nicht genug zu trinken. Die Kinder leiden an Schlafmangel, weil Matratzen und Wolldecken fehlen. Die sanitären Bedingungen sind katastrophal. Es gibt weder Seife noch Handtücher für die Kinder.«
Regierungsanwälte haben jede Kritik zurückgewiesen. Eine Kontrolle der Lager durch einen Berichterstatter lehnen sie ab. Sie fürchten offenbar, dass Zustände offenbar werden, wie sie kürzlich aus dem Shenandoah Valley Juvenile Center in Virginia berichtet wurden. Dieses Jugendgefängnis für unbegleitete Minderjährige ist eine von drei amerikanischen Einrichtungen, die Verträge mit dem Office of Refugee Resettlement (ORR) geschlossen haben. Das ORR ist für die sichere Unterbringung junger Einwanderer zuständig. Wie aus einer aufsehenerregenden Klage des Washington Lawyers Committee for Civil Rights and Urban Affairs hervorgeht, werden junge Latino-Flüchtlinge in Shenandoah aber nicht »sicher untergebracht«, sondern systematisch misshandelt.
Mit Psychopharmaka ruhiggestellt
In der Klage heißt es unter anderem, dass junge Häftlinge verfassungswidrigen, erschütternden Bedingungen ausgesetzt seien: Beschrieben wird »Gewalt durch Mitarbeiter, missbräuchliche und unverhältnismäßige Einzelhaft sowie Verweigerung notwendiger psychologischer Behandlung«. In einem Bericht der Nachrichtenagentur AP wird Kinderpsychologin zitiert: »Die Mehrheit der Kinder, die wir in Shenandoah besuchten, wurden emotional und verbal misshandelt. Einige von ihnen begannen Stimmen zu hören, die ihnen sagten, sie sollten andere oder sich selbst verletzen.« AP bringt eidesstattliche Aussagen von Jugendlichen, die nackt an Stühle gefesselt wurden. »Wenn sich eines der Kinder nicht beruhigen konnte, setzten uns die Wachen auf einen Stuhl und ließen uns den ganzen Tag dort sitzen. Mich fesselten sie mit Handschellen und zogen mir eine Art weiße Tüte über den Kopf«. Virginias demokratischer Gouverneur, Ralf Northam, setzte eine Untersuchungskommission ein, die nicht lange brauchte, um die Vorwürfe als »übertrieben« zu entkräften. Die Anwälte haben ihre Klage gleichwohl nicht zurückgenommen.
Auch das Shiloh Treatment Center in Texas muss sich vor Gericht verantworten. In einer Klage des Center for Human Rights & Constitutional Law heißt es, dass Einwandererkinder, die von ihren Eltern getrennt wurden, mit Psychopharmaka vollgestopft worden seien, die bei Depressionen, Angstzuständen, bipolaren Störungen, Schizophrenie und Anfällen verabreicht werden. Kinder, die sich wehrten, habe man die Medikamente gewaltsam eingeflößt.
Fast 2000 der ingesamt 2500 von ihren Eltern getrennten Kindern sind nun wieder bei ihren Familien. Doch das Schicksal von mehr als 500 Jungen und Mädchen ist noch ungeklärt. Und auch wenn die Familien wieder beisammen sind, werden sie keinen Frieden finden. Die Regierung setzt alles daran, sie schnellstmöglich abzuschieben.
