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#Unteilbar: Die Kraft aus der Mitte

von Bettina Röder 15.10.2018
Die Berliner Großdemo gegen den Rechtsruck Deutschlands wurde zu einem fulminanten Zeichen: Am Wochenende stemmte sich fast eine viertel Million Menschen gegen Hass und Gewalt. 40.000 waren erwartet worden, 240.000 kamen. Sie waren dem Aufruf »#unteilbar« gefolgt. Was wird daraus? Nimmt die Berliner Republik diese Botschaft auf?
Solidarität statt Ausgrenzung: Demonstranten ziehen unter dem Motto #Unteilbar vor dem Brandenburger Tor Richtung Siegessäule. (Foto: Christoph pa/zb/Soeder)
Solidarität statt Ausgrenzung: Demonstranten ziehen unter dem Motto #Unteilbar vor dem Brandenburger Tor Richtung Siegessäule. (Foto: Christoph pa/zb/Soeder)

Ein breites Bündnis aus gut tausend Vereinen, Verbänden und Organisationen sowie Künstlern und Wissenschaftlern hatten zu dieser Demonstration aufgerufen. Aus ganz Deutschland kamen Menschen am sonnigen Herbstsamstag nach Berlin, um ein »Zeichen für Solidarität statt Ausgrenzung und Rassismus und für eine offene und freie Gesellschaft« zu setzen.

Die meisten waren aus der Mitte der Gesellschaft gekommen und machten klar, dass sie die brennenden gesellschaftlichen Fragen wie soziale Ungleichheit, Benachteiligung und das Problem einer völlig abgehobenen politischen Elite weder der AfD noch rechten Demonstranten überlassen wollen. Ihre Botschaft: Nicht die Schreier und Hetzer sind in der Mehrheit, sondern wir. Und: Es gibt einen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit – aber er ist keiner zwischen In- und Ausländern. Ein riesiges Transparent trug die Aufschrift: »Solidarität mit den Opfern rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt«.

Am Alexanderplatz, wo die Demonstration begann, steht auch die Landwirtin Julia Bar-Tal. Sie ist aus dem brandenburgischen Müncheberg angereist. Die Gruppe hält ein Plakat hoch: »Bäuerinnen und Bauern gegen Nazis«. »Ich bin hier, weil ich keinen Bock auf rechte Gesinnung habe«, sagt die 38-Jährige in dem schwarzen T-Shirt mit dem grünen Tuch um den Hals. Es macht ihr Sorge, dass die sich auch unter Bäuerinnen und Bauern ausbreitet. Sie stellt klar: statt Minderheiten die Schuld zuzuweisen, müsse es doch um die falsche Agrarpolitik gehen. Um rigorose Agrarkonzerne, um Landgrabbing, das besonders im Osten eine große Rolle spiele. »Finanzhaie kommen und bedrohen unsere Existenz, die kleinbäuerlichen Betriebe, und Flüchtlinge werden vom Land verdrängt, wo es für sie doch gute Existenzmöglichkeiten gibt und sie gebraucht werden«, sagt sie. Darum sei sie hier.

Auch Claire Breitsprecher, die ursprünglich aus NRW stammende Bibliothekarin, demonstriert –, weil die »Diktatur der Konzerne« für sie unerträglich geworden sei. »Wir müssen zeigen, dass es nicht so weitergehen kann«, sagt sie: mit »der mafiösen Wohnungspolitik, der Ausgrenzung von Obdachlosen, aber auch der Behandlung von Landsleuten in der ehemaligen DDR als Menschen zweiter Klasse«.

Nur wenige Meter entfernt steht in der Menge der 48-Jährige Berliner Biologe Adrian. Er hat die Deutschlandfahne mitgebracht. »Die steht für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung«, sagt er selbstbewusst. Und er diskutiert mit einem jungen Mann, dem das so ganz und gar nicht gefällt. »Dieses Symbol dürfen wir doch nicht den Rechten überlassen, die es vereinnahmen«, argumentiert er. Und: »Mir geht das wahnsinnig auf den Senkel, wenn ich bei Pegida-Demos diese Wälder von Deutschland-Flaggen sehe.« Ein junge blonde Frau, die im bunten Sommerkleid neben ihm steht – sie ist Ausländerbeauftragte in Berlin – gibt ihm recht. »Leider diskutieren wir darüber zu wenig«, sagt sie leise. Hier, bei dieser Demonstration, wird das getan.

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Es wird auch getanzt und gesungen. Es ist, als ob sich viele trotz der Bedrohung durch rechte Ideologien nicht die Kraft nehmen lassen wollen, das Ihre zu sagen. Eine Gruppe junger Brasilianer steht im Kreis. Sie tanzen zu lauten Rhythmen den Capoeira, den brasilianischen Tanz gegen das Sklaventum. Die 20-jährige Ariel hält ein Plakat hoch. Sie erklärt, worum es darauf geht: um den Protest gegen den rechten Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro. Sie habe Angst vor einer Militärdiktatur, sagt die zierliche Frau, die seit drei Jahren in Deutschland lebt und Kunst studiert, im besten Deutsch.

Ariel ist ein Beispiel dafür, dass sich hier viele zusammengetan haben, die nicht nur den Rechtsruck in Deutschland fürchten: Sie sehen eine weltweite Entwicklung, die sie besorgt. Rechtspopulisten sind in vielen Ländern zu einer neuen, starken Kraft geworden. In Brasilien. In den USA. In Ungarn, Polen, Italien. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch in Deutschland mitregieren? In Berlin zeigt eine viertel Million Menschen, dass sie alles tun wollen, um so etwas zu verhindern.

Ein langer Zug zur Siegessäule hat sich gebildet. Als die Demonstrationsspitze bereits das Brandenburger Tor erreicht, stehen die letzten Teilnehmer noch auf dem Kilometer entfernten Alexanderplatz. Es geht vorbei am Sowjetischen Ehrenmal. Friedlich haben sich die auffällig vielen jungen Teilnehmer auf die Panzer gesetzt und eine Schleife um die Kanone gebunden. Auch gegen Krieg und Waffenexporte wird hier demonstriert. Die Polizei hält sich zurück. Eine friedliche Demonstration der 240.000!

»Wir müssen selbst etwas bewegen, damit sich etwas ändert«, hatte Bündnissprecherin Theresa Hartmann gesagt: Keine brüllenden Forderungen an Politikerinnen und Politiker, sondern ein Aufruf, die eigene Verantwortung wahrzunehmen. Auch damit setzte diese Demonstration ein entschiedenes Zeichen gegen Rechts. Und es fiel so gar nicht auf, dass sowohl die Berliner CDU als auch die Linke Sarah Wagenknecht hier nicht dabei waren.

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