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Sind Menschenrechte universell?

von Abdullahi Ahmed An-Naim vom 16.01.2019
»Nein!«, sagt der Jurist Abdullahi A. An-Naim: »So wie sie formuliert sind, sind sie ein Konstrukt des Westens.« Seine Kritik trifft die Erklärung der Menschenrechte, die jüngst 70. Geburtstag hatte, an einem empfindlichen Punkt. Der Standpunkt – in den Publik-Forum-Streitfragen zur Zukunft
Sind die Menschenrechte universell? Der US-Jurist Abdullahi A. An-Naim (rechts), Spezialist für internationales Recht und Menschenrechte, sagt: »Nein!« Westliche Macht- und Weltverständisse machten die Erklärung der Menschenrechte zur Farce. (»Menschenrechtslogo der Vereinten Nationen«, Grafik: Predrag Stakic; Foto: privat)
Sind die Menschenrechte universell? Der US-Jurist Abdullahi A. An-Naim (rechts), Spezialist für internationales Recht und Menschenrechte, sagt: »Nein!« Westliche Macht- und Weltverständisse machten die Erklärung der Menschenrechte zur Farce. (»Menschenrechtslogo der Vereinten Nationen«, Grafik: Predrag Stakic; Foto: privat)

Die Idee, dass eine Gruppe von westlichen Staaten und Gesellschaften Menschenrechte für andere Länder definiert und deren Anwendung überwacht, ist ein Abbild jener vermeintlich »zivilisierenden Mission«, die den europäischen Kolonialismus im 19. Jahrhundert legitimieren sollte. Diese Vorgehensweise ist das Gegenteil von Universalität und muss entschieden zurückgewiesen werden.

Wenn wir von der Universalität der Menschenrechte sprechen, ist es zunächst wichtig zu unterscheiden, worauf sich diese bezieht: auf das Konzept an sich, auf den Inhalt oder auf den Kontext, also den Anwendungsbereich. Vom Konzept her sind die Menschenrechte notwendigerweise universell, weil sie Menschen aller Nationalitäten, Kulturen und Hautfarben einschließen. Aber ist es auch der Inhalt? Der »Geist der Gesetze« ist nicht universell, denn Gesetze sind geprägt von dem jeweiligen Umfeld, in dem sie entstehen. So ist es auch mit den Menschenrechten. In den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz wurden die Vereinten Nationen von Europäern kontrolliert. Als die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausgearbeitet wurde, stand die Mehrheit der Weltbevölkerung noch immer unter der Knute westlicher Kolonialmächte – jener Staaten, die in Paris 1948 die Menschenrechte ausriefen. Diese Erklärung machte westliche liberale Werte kurzerhand zu »universellen Werten« – ohne Beteiligung jener, für die sie auch gelten sollten.

Die Erklärung der Menschenrechte wurde von neun Männern und Frauen erarbeitet, die alle westlich sozialisiert waren. Zwar saßen neben Vertretern aus Australien, Chile, Frankreich, Großbritannien, Kanada und den USA auch ein libanesischer Philosoph, ein chinesischer Akademiker und ein sowjetische

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