Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2019
Revolution
Die Welt ist in der Krise. Ein Umbruch ist nötig. Nur welcher?
Der Inhalt:

Streitfragenzur Zukunft: Sind die Menschenrechte universell?

von Abdullahi Ahmed An-Naim vom 11.01.2019
Nein. So wie sie derzeit formuliert sind, sind sie ein Konstrukt des Westens

Die Idee, dass eine Gruppe von westlichen Staaten und Gesellschaften Menschenrechte für andere Länder definiert und deren Anwendung überwacht, ist ein Abbild jener vermeintlich »zivilisierenden Mission«, die den europäischen Kolonialismus im 19. Jahrhundert legitimieren sollte. Diese Vorgehensweise ist das Gegenteil von Universalität und muss entschieden zurückgewiesen werden.

Wenn wir von der Universalität der Menschenrechte sprechen, ist es zunächst wichtig zu unterscheiden, worauf sich diese bezieht: auf das Konzept an sich, auf den Inhalt oder auf den Kontext, also den Anwendungsbereich. Vom Konzept her sind die Menschenrechte notwendigerweise universell, weil sie Menschen aller Nationalitäten, Kulturen und Hautfarben einschließen. Aber ist es auch der Inhalt? Der »Geist der Gesetze« ist nicht universell, denn Gesetze sind geprägt von dem jeweiligen Umfeld, in dem sie entstehen. So ist es auch mit den Menschenrechten. In den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz wurden die Vereinten Nationen von Europäern kontrolliert. Als die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausgearbeitet wurde, stand die Mehrheit der Weltbevölkerung noch immer unter der Knute westlicher Kolonialmächte – jener Staaten, die in Paris 1948 die Menschenrechte ausriefen. Diese Erklärung machte westliche liberale Werte kurzerhand zu »universellen Werten« – ohne Beteiligung jener, für die sie auch gelten sollten.

Die Erklärung der Menschenrechte wurde von neun Männern und Frauen erarbeitet, die alle westlich sozialisiert waren. Zwar saßen neben Vertretern aus Australien, Chile, Frankreich, Großbritannien, Kanada und den USA auch ein libanesischer Philosoph, ein chinesischer Akademiker und ein sowjetischer Diplomat mit am Tisch, doch auch sie waren westlich geprägt: Der Libanese Charles Malik war ein griechisch-orthodoxer Christ, der in Deutschland und den USA Karriere machte. Der Chinese Peng Chung Chang studierte ebenso in den USA, während Alexander E. Bogomolov als Botschafter der Sowjetunion in Frankreich und Großbritannien gelebt hatte. Von einem wahrhaft weltumspannenden Geist kann also keine Rede sein, zumal zum Zeitpunkt der Unterzeichnung nur fünfzig Staaten der UN angehörten.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich plädiere durchaus für universelle Menschenrechte – aber als noch zu erreichendes Ziel, nicht als Ist-Zustand. Eine Universalität der Menschenrechte

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen