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Schützt den Sonntag!

von Wolfgang Kessler 09.07.2017
Warum die Kampagne der Warenhäuser für verkaufsoffene Sonntage gefährlich werden kann: Für die Beschäftigten, für die Gesellschaft – und sogar für viele Händler. Kesslers Kolumne
Um einen Sonntag in Muße zu erleben, braucht man Freiheit vom Konsumdruck: Wolfgang Kessler (rechts) sieht die aktuelle Kampagne von Kaufhausketten für einen selbstbestimmten Einkaufs-Sonntag auf dem falschen Weg. (Foto: istockphoto/sharply_done)
Um einen Sonntag in Muße zu erleben, braucht man Freiheit vom Konsumdruck: Wolfgang Kessler (rechts) sieht die aktuelle Kampagne von Kaufhausketten für einen selbstbestimmten Einkaufs-Sonntag auf dem falschen Weg. (Foto: istockphoto/sharply_done)

Seit dreißig Jahren bin ich Wirtschaftspublizist und erlebe, dass die Manager der großer Kaufhausketten und Einkaufszentren immer den gleichen Traum leben: Sie wollen, dass die Verbraucher 24 Stunden an jedem Tag in der Woche in ihre Läden strömen und kaufen, kaufen und nochmals kaufen. Jetzt läuft wieder eine Initiative. Das Motto ist schlauer gewählt als frühere: »Selbstbestimmter Sonntag«. Da denkt kaum jemand, dass es den großen Handelszentren in erster Linie um mehr Umsatz geht. Stattdessen denken alle an Freiheit, wie wunderbar.

Freiheit ist tatsächlich ein hohes Gut. Aber die totale Konsumfreiheit zu jeder Standen an jedem Tag zu propagieren, täuscht darüber hinweg, dass sie einen hohen Preis verlangt: von den Beschäftigten und von der ganzen Gesellschaft und auch von vielen Händlern.

Grenzenlose Naivität der Händler

Natürlich präsentieren die Handelsmanager immer ihre angeblich guten Argumente für ihre Forderung, seit dreißig Jahren die gleichen – und jetzt haben sie noch zwei mehr. Erstens verweisen sie darauf, dass der Sonntag im Online-Handel schon heute der zweitumsatzträchtigste Tag in der Woche ist – warum sollte man die Leute dann nicht gleich in die Geschäfte gehen lassen? Und wie erfolgsversprechend verkaufsoffene Sonntage sind, zeigten ja die gut besuchten vier verkaufsoffenen Sonntage pro Jahr, die der Gesetzgeber schon heute erlaubt.

Das klingt wunderbar logisch, ist es aber nicht. Es ist sogar wunderbar naiv. Denn der umsatzträchtigste Tag für den Online-Handel ist der Montag – und da könnten die Leute ja in die Geschäfte gehen. Und wer immer Meinungsforscher zur Popularität von verkaufsoffenen Sonntagen oder Volksfesten mit offenen Geschäften fragt, erhält von allen die gleiche Antwort: Ja, sie sind populär, aber eben nur deshalb, weil es sich um einzigartige Events handelt. Ein Argument für die regelmäßige Ladenöffnung am Sonntag sind diese Events nicht.

Im Gegenteil. Sie zeigen, welche Probleme auf die Welt der Händler mit einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeiten zukommen. Da die Menschen durch verkaufsoffenen Sonntage nicht mehr Geld in der Tasche haben, werden sie nicht mehr ausgeben. Aber ihre Ausgaben werden sich stärker über die Woche verteilen. Während die Umsätze der Geschäfte kaum steigen, haben sie jedoch höhere Kosten, da sie die Läden auch am Sonntag oder nachts besetzen müssen. Das heißt: Noch mehr Beschäftigte müssen sonntags und abends arbeiten. Und das heißt auch: den Verdrängungswettbewerb in den Innenstädten verschärfen, mit den kleinen Geschäften als Verlierer.

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Wer Sonntagsarbeit sät, erntet: noch mehr Sonntagsarbeit

Nun könnte man einwenden: Was zerbrechen wir uns die Köpfe der Händler? Gebt doch den Verbrauchern mehr Freiheit! Klingt gut, doch die Folgen für die gesamte Gesellschaft könnten schwerwiegend sein. Denn parallel zu den Ladenöffnungszeiten wurden in den vergangenen Jahren auch die Arbeitszeiten rigoros flexibilisiert. Fast jeder zweite Deutsche arbeitet zumindest gelegentlich auch am Samstag, jeder Vierte zumindest auch am Sonntag. Und das bei weitem nicht nur im Dienstleistungsbereich.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre lässt vermuten, dass die Sonntagsarbeit auch in anderen Bereichen rasant zunehmen wird, wenn die Läden regelmäßig offen sind. Denn warum sollen Dienstleister wie Friseure, die Post oder Autowerkstätten am Sonntag pausieren, wenn die Läden am Sonntag geöffnet haben? Um fast 50 Prozent hat sich die Sonntagsarbeit seit 1995 in Deutschland erhöht. Durch noch flexiblere Ladenöffnungszeiten am Wochenende werden noch mehr Beschäftigte gezwungen, auch am Sonntag zu arbeiten.

Noch mehr Menschen leben flexibel aneinander vorbei

Das ist gefährlich. Schon heute diskutiert diese Gesellschaft über die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, über eine starke Individualisierung, über die zunehmende Isolation und Einsamkeit, die immer mehr Menschen psychisch belastet oder krank macht, die Familien und Freundschaften zerstört. Noch flexiblere Arbeitszeiten, noch mehr Kommerz-Getriebe auch am Sonntag wird dafür sorgen, dass noch mehr Menschen flexibel aneinander vorbeileben. Das macht das Familienleben, Vereinsaktivitäten, gemeinsame Unternehmungen immer schwieriger, die Gesellschaft wird noch zerrissener als sie ohnehin schon ist.

Und zur Frage der Freiheit gilt, was der Soziologe Hartmut Rosa im Publik-Forum-Zentrum während des jüngsten Kirchentages in Berlin ausführte: »Unsere Freiheit führt uns immer häufiger in einen Alltags-Bewältigungs-Verzweiflungs-Modus«. Jede weitere Flexibilisierung der Arbeit oder eine weitere Öffnung der Geschäfte würde diesen Modus verstärken. Denn, so Rosa, »wir haben dann mehr Zeit, Dinge zu beschaffen, aber immer weniger Zeit, sie zu nutzen. Denn für das Ausführen der neuen Wanderschuhe braucht man Zeit und Zeitgenossen, die auch gerade Muße haben.«

Da ist es tröstlich, dass dies auch viele Bürger so sehen – wenn sie denn gefragt werden: In einem Bürgerentscheid in Münster lehnten 52,8 Prozent der Beteiligten Ende vergangenen Jahres mehr verkaufsoffene Sonntage ab.

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