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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2017
Weckruf für die Welt
Wie weiter unter Donald Trump?
Der Inhalt:

Keine Ausrede mehr

von Wlada Kolosowa vom 13.01.2017
Jetzt ist es so weit: Ich engagiere mich endlich. Bekenntnis einer Dreißigjährigen
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Wenn ich, wie die meisten Berufsanfänger, um 19 Uhr von der Arbeit komme, bleiben mir fünf Stunden Zeit, um all das zu erledigen, was zum Menschsein im 21. Jahrhundert dazugehört: Supermarkt, Onlinebanking, Staubsaugen, Serien gucken, aufpassen, dass Freundschaften und der eigene Körper nicht zerfallen.

Es gibt Dinge, für die ich Zeit finde, obwohl ich keine habe: Instagram, Twitter, Ebay, lustige Dinge auf meine Fingernägel malen, Exfreunde auf Facebook stalken. Was meistens nicht in diese fünf Stunden passt: Mama anrufen, endlich die Glühbirne in der Flurlampe austauschen und mich ehrenamtlich engagieren.

Früher war das anders: In der Schule habe ich Kindern von Migranten kostenlos Nachhilfeunterricht gegeben. Im Studium dann nur noch sporadisch. Irgendwann beschränkte sich mein Beitrag zur Verbesserung der Welt auf eine monatliche Überweisung an Unicef. Der Grund: Zeitmangel. Diesen Umstand erörtere ich häufig mit meinen Freunden bei einem Bier. Ein Leben, in dem man jederzeit für eine Nachtschicht am Laptop bereit sein muss oder in ein paar Monaten nach London ziehen könnte, ließe einfach kaum Spielraum für feste Verpflichtungen, sagen wir uns. Für Yoga finden die meisten von uns aber doch Zeit – oder eben für bierselige Gespräche. Noch vor ein paar Jahren drehten sich die in der Mensa um die Ungerechtigkeit der Welt und darum, was auf unserer Erde alles anders werden soll.

Verstehen Sie mich nicht falsch, Bier und Zeitverplempern sind essenziell für geistige Gesundheit. Aber trotzdem: Warum ist ausgerechnet das Engagement der Rationalisierung der Zeit zum Opfer gefallen? Ich glaube, die Antwort liegt nicht nur in der vermeintlich fehlenden Zeit, sondern im Gefühl, dass das Engagement nur ein Tropfen auf den heißen Stein wäre. Was bringen ein paar Stunden in der Suppenküche im relativ wohlhabenden Deutschland angesichts von Flüchtlingsströmen, Krieg und all der Ungerechtigkeit, die auf dieser Welt passiert? Würde ich damit nicht einfach nur mein Gewissen besänftigen?

Für die Philosophin Susan Neiman, die das großartige Buch »Warum erwachsen werden?« schrieb, gehört zum Erwachsensein dazu, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen – auch wenn klar ist, dass man den Idealzustand nie erreichen

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