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Gespaltenes Gedenken

von Bettina Röder vom 24.02.2012
Die Absperrgitter sind längst weggeräumt, doch das Bild von jenem grauen Februartag am Berliner Gendarmenmarkt bleibt: Das durch Polizisten abgeriegelte Konzerthaus mit Politikern drinnen, die der Nazi-Opfer gedenken - und mit Menschen draußen, die sich ganz andere Gedanken machen
Mit Fotos der Mordopfer erinnern am 23. Februar 2012 Menschen in Berlin an die Mordserie von Neonazis in Deutschland. (Foto: pa/Settnik)
Mit Fotos der Mordopfer erinnern am 23. Februar 2012 Menschen in Berlin an die Mordserie von Neonazis in Deutschland. (Foto: pa/Settnik)

Da ist jene alte Dame, die in devoter Entfernung zum ehemaligen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt mit ihren beiden Enkeln an der Hand immer schneller läuft und mit einer Mischung aus Erschrecken und Staunen zu sich selbst sagt: »O Jott, kiek mal in die Nebenstraßen, jede Menge Polizisten.« Wie so manche andere auch, die hier vorbeilaufen oder ihr Rad auf dem Bürgersteig schieben, weiß sie gar nicht, warum an diesem 23. Februar 2012 ein so großes Polizeiaufgebot nebst Einsatzwagen und schwarzen Bussen sie davon abhalten, den Gendarmenmarkt oder auch nur die Straße davor zu überqueren. Andere wissen das sehr wohl. Sie wollen sich aber mit dem gigantischen Aufgebot an Polizei und Sicherheitskräften nicht abfinden, die hier an diesem Donnerstagvormittag die Gedenkveranstaltung für die Opfer der Nazi-Morde in Deutschland - mit dabei sind acht Familien von Opfern - so unverhältnismäßig abschirmen.

»Keener kommt ans Gedenken ran«

»Keener kommt ans Gedenken ran. 1200 Gäste sind geladen, mehr nicht. Na, ja und die Merkel ist da«, sagt eine Frau verständnislos und läuft eilig weiter. Ein anderer Passant wird deutlicher: »Klar«, sagt er, »was passiert ist, das ist ein Verbrechen, mit nichts zu rechtfertigen.« Aber: »Ich finde, dass die Verhältnismäßigkeit nicht stimmt.« Sein Freund pflichtet ihm bei. »Der Aufwand, der hier mit unseren Steuergeldern getrieben wird, steht doch in keinem Verhältnis zu dem, was sonst gegen die Nazis und für die Opfer getan wird.« Dann macht er seinem Ärger Luft: »Das ist doch nur ein politisches Schaulaufen hier.« Eine blonde Frau, die nachdenklich stehen geblieben ist und ihr schwarzes Tuch um den Kopf fester zieht, sieht das ganz anders: »Ich finde es gut, dass hier ein Zeichen gegen die Nazis und für ihre Opfer gesetzt wird«, sagt

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