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Islam-Debatte: Gaucks GAU

von Britta Baas vom 01.06.2012
Würdig, mutig, diplomatisch: Joachim Gauck gilt vielen als idealer Bundespräsident. Auf der politischen Bühne sollte er den Skandal um seinen Vorgänger Christian Wulff schnell vergessen machen. Doch nun hat sich Gauck vergriffen - mit seiner Spitze gegen den Islam
Bundespräsident Joachim Gauck: Kein krisenfestes Verhältnis zum Islam. (Foto: pa/Hoppe)
Bundespräsident Joachim Gauck: Kein krisenfestes Verhältnis zum Islam. (Foto: pa/Hoppe)

Kann ein Bundespräsident einfach alles richtig machen? Bislang hatte es bei Joachim Gauck den Anschein. Seine Auftritte im In- und Ausland: elegant, intelligent und würdig. Seine Worte: wohlgesetzt und diplomatisch. Umso mehr schreckte er nun die Öffentlichkeit mit Sätzen auf, die den einzig berühmt gewordenen Satz seines Vorgängers Christian Wulff attackieren.

Wulff hatte einst für die Muslime im Land eine Lanze gebrochen, indem er in einer prominenten Rede formulierte: »Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland - aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Die anschließende Debatte im Land hatte gezeigt, wie wenig selbstverständlich vielen die Anwesenheit von Menschen scheint, die sich zum Islam als Religion bekennen, wie sehr viele Nicht-Muslime noch immer auf angstvolle Distanz zu Muslimen gehen. Gerade deshalb war der Anstoß Wulffs von großer Wichtigkeit gewesen.

Und nun das: Gauck kritisiert Wulffs Denken in diesem Punkt in einem Interview mit der Wochenzeitung »Die Zeit«. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, findet Joachim Gauck: »Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.« Der Islam aber habe weder Europa geprägt noch habe er die Aufklärung oder eine Reformation durchlebt.

Wie sehr sich doch ein evangelischer Pfarrer irren kann! Er selbst hat die Aufklärung offenbar in Teilen vergessen. Sonst würde er sich beispielsweise daran erinnern, dass sie Menschen für den Erwerb neuen Wissens so sehr begeisterte, dass ein Mann wie Friedrich Rückert, Dichter und Begründer der deutschen Orientalistik, Jahre später in romantischer Inspiration den Koran übersetzte - in einer poetischen, bis heute unerreichten Sprache. Mit seiner Liebe zur orientali

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Kommentare
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Wolfgang Lenk
29.08.201218:05
Ja, der Islam gehört nicht zu Deutschland, so wenig, wie der Kaffee, den
viele Deutsche mehrfach täglich trinken - der wurde ja durch die
Türkenkriege nach Mitteleuropa gebracht; so wenig, wie die arabischen
Ziffern, die griechische Philosophie, Astronomie und Medizin - die
wurden ja nicht im römischen Reich und der westlichen Kirche, sondern in
der Islamischen Welt aufgenommen, weiterentwickelt und durch die
Kreuzzüge in das Abendland gebracht und lösten hier eine Blütezeit
hochmittelalterlicher Kultur und Theologie - die Scholastik - aus.
Vielleicht sollten wir doch besser in römischen Ziffern rechnen? Aber
nein, die sind ja auch nicht deutsch - also besser mit Runenzeichen!
Vielleicht sollten wir auch wieder den Song der Nachkriegszeit singen -
er muss ja nicht gleich die Nationalhymne ersetzen:
"C.A.F.F.E.E, trink nicht so viel Kaffee! Nicht für Kinder ist der
Türkentrank, ... Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann!"
Heinz Pütter
29.08.201218:05
Die größten geistigen Meister betrachteten die Menschheit als eine Familie Gottes und liebten alle im gleichen Maße. Das Universum ist meine Heimat; alle Wesen sind meine Brüder und Schwestern; unser Vater und Mutter ist Gott. Alle großen Meister sprechen von universeller Bruderschaft und fordern uns auf, die Hindernisse auf dem Weg zu beseitigen. Christus gebot, alle Menschen zu lieben. Er sagte: Das Himmelreich ist in euch. Gott nannte Er Vater im Himmel und erklärte: Ich und mein Vater sind eins. Kann es in dieser Einheit Namen und Formen geben? Nein. Dort gibt es nur noch reinen Geist. Die befreite Seele weiß, dass sie nicht der Körper ist, sondern dieser alles durchdringende Geist. Alle großen Meister haben dieselbe Wirklichkeit verwirklicht. Es gibt daher keinen Unterschied zwischen den einzelnen Lehren. Es wahren ihre Anhänger, die um diese Lehren herum Religionsgebäude aufrichteten: http://www.facebook.com/pages/Neturei-Karta/189498664505021
Gunhild Seyfert
29.08.201218:05
Wie sollen die Muslime, denen Sie sagen, sie gehörten hierher, in Deutschland eigentlich leben, Herr Bundespräsident? Kopflos, geistlos, ohne Möglichkeiten, die Religion, über die sie definiert werden, in ihrer Lebenswelt zu gestalten? Besuchen Sie eine der vielen Moscheen in Deutschland, gehen Sie in die Grundschulen, wo heute oft über die Hälfte der Schüler muslimischen Glaubens sind, lassen Sie sich aufklären von fruchtbarem interreligiösen Dialog. Über die Etablierung des Islam in eigenen Studiengängen an fünf deutschen Uni-Standorten wurde in vielen Medien ausführlich berichtet. Bekenntnisorientierter islamischer Religionsunterricht wird in den Bundesländern flächendeckend eingeführt. Spätestens damit ist der Islam in Deutschland angekommen. Unterstützen Sie solche Entwicklungen anstatt altbackene Interviews zu geben, die das ängstliche Bürgertum und der Stammtisch goutieren.
Paul Haverkamp
29.08.201218:05
Vielen Dank, liebe Frau Baas, für Ihre aus dem Geist der Aufklärung formulierten Klarstellungen gegenüber Herrn Gauck.

In der Tat sollte Herr Gauck sich noch einmal von seinem Beraterteam den Einfluss und die Bedeutung des Islam für die europäische Geistesgeschichte erklären lassen.

Für interessierte Leser möchte ich an dieser Stelle nur einen dazu passenden Link einstellen:


http://www.zeit.de/2011/25/Al-Andalus