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Die Raketenwarnung kommt per SMS

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 02.12.2017
Siebenhundert Meter sind es vom israelischen Grenzübergang Erez rüber nach Gaza. Nachdem wir die Sicherheitskontrollen in dem flughafenähnlichen Terminal passiert haben, laufen wir zu Fuß durch einen siebenhundert Meter langen Gang, umgeben von Gitterstäben und Draht und Niemandsland. Über uns fliegt eine Drohne ...
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Junge Mode-Designerinnen in Gaza: Start-ups zwischen Raketen. (Foto: Rheinheimer)
Junge Mode-Designerinnen in Gaza: Start-ups zwischen Raketen. (Foto: Rheinheimer)
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... und uns ist klar: Die israelische Regierung weiß genau, wo wir sind, wen wir treffen, was wir tun. Auf der anderen Seite der Grenze empfangen uns Eselskarren, Müll und Trostlosigkeit. Zuerst.

Aber dann sind da plötzlich viele bunte Stände am Straßenrand, an denen Kleidung und Schuhe verkauft werden, Spielzeug und Schmuck. Ich dachte ich fliege ins Elend, und nun finde ich mich in einer pulsierenden Stadt wieder. Gaza ist ganz anders, als wir uns das vorgestellt haben – zumindest die Seite von Gaza, die wir in den 24 Stunden zu Gesicht bekommen.

Das fängt an mit dem schönen Hotel mit Blick aufs Mittelmeer, in dem wir wohnen, geht weiter mit dem Besuch einer Schulklasse, die gerade Anti-Aggressionstraining hat, bis hin zu den jungen Frauen, die in einer UN-Berufsschule eine Ausbildung zur Modedesignerin machen und den jungen Männern, die dort eine Elektriker- oder Schreinerlehre absolvieren. Die Folgen des letzten Krieges 2014 sind in Gaza-Stadt nicht sichtbar, Einschusslöcher sehen wir keine. Im Osten und im Süden sei das anders, erklärt uns Matthias Schmale. Der Leiter des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) in Gaza berichtet von den materiellen Schäden des Krieges, aber auch davon, wie traumatisiert viele Menschen seien. Was wir hingegen während unseres kurzen Aufenthalts erleben, ist ein anderes Gaza, das es selten in die deutschen Medien schafft.

Gaza ist etwa so groß wie Bremen

Es ist ein Gaza mit jungen Menschen voller Energie, die ein Lachen auf den Lippen haben und fließend Englisch sprechen. Zum Beispiel in dem Start-Up GazaGateway, das für Kunden aus aller Welt IT-Dienste verrichtet. Das Internet zählt zu den wenigen Dingen, die in Gaza hervorragend funktionieren, und das nutzen die gut ausgebildeten, jungen Leute. Online arbeiten, das ist für sie ein Tor zur Welt, »denn da gibt es keine Grenzen«, wie uns eine Mitarbeiterin sagt. Erstaunt stelle ich fest: Die jungen Menschen in Gaza haben richtig Power, sie erscheinen uns kreativer, optimistischer und engagierter als im Westjordanland. Aber das ist natürlich nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit.

Die andere Wirklichkeit sehen wir nicht oder nur ansatzweise – zum Beispiel im Food Distribution Center der Vereinten Nationen, das hunderttausende Menschen mit Lebensmittelhilfe versorgt. Riesige Plastiksäcke voller Linsen und Erbsen liegen dort auf dem Boden, vor der Tür stehen Menschen an, die sich mit einer Lebensmittelkarte ihre Ration für die nächsten drei Monate abholen. In Gaza, das etwa so groß ist wie Bremen, leben zwei Millionen Menschen. Ein Großteil von ihnen wird von der UN unterstützt.

Doch die furchtbaren Zustände, von denen uns die Menschen erzählen, bleiben für uns unsichtbar. Wir sehen nicht, dass der Strom nur vier Stunden am Tag funktioniert, denn in unserem Hotel, in den Schulen der Vereinten Nationen und in den Start-Up-Unternehmen, die wir besuchen, laufen Stromgeneratoren. Wir sehen nicht, dass täglich hundert Millionen Liter Abwasser kaum geklärt oder völlig ungeklärt ins Mittelmeer fließen. Wir sehen nicht, dass rund 65 Prozent der jungen Menschen hier arbeitslos sind. Wir sehen auch nicht, dass Unternehmen monatelang darauf warten, Material importieren zu dürfen. Dass 95 Prozent des Trinkwassers nicht mehr für den menschlichen Konsum geeignet sind. Dass Krebspatienten keine Ausreisegenehmigung erhalten. Dass Kinder sterben, weil sie im Meer geschwommen sind und sich dabei einen Virus eingefangen haben, der hier nicht behandelt werden kann.

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Hind gehört zur kleinen Oberschicht von Gaza

Am Abend zeigt uns Hind, eine 22-jährige Journalistin aus Gaza, Fotos auf ihrem Handy: Sie auf einer Party. Am Pool in ihrem Elternhaus. Auf einer Hochzeit. Im Cafe. Bei einem Ausritt am Strand von Gaza. Hind gehört zur kleinen Oberschicht von Gaza, und es sind Fotos, wie sie auch auf dem Handy einer 22-jährigen Deutschen sein könnten – wären da nicht die anderen Bilder und Videos, die Tränengasschwaden und Raketenangriffe zeigen. »Jedes Mal wenn ich ein Flugzeug höre, kriege ich Angst«, sagt Hind. Sie erinnert sich noch genau an den ersten Raketenangriff, den sie erlebte. Da war sie ungefähr sieben Jahre alt und die ganze Familie kroch unter den Esstisch, während direkt vor ihrem Haus die Granaten einschlugen.

Ziemlich normal hier, denken wir. Wenig später schlagen Raketen ein

Am nächsten Tag haben die Menschen frei, denn es ist der Geburtstag des Propheten Mohammed. Dementsprechend belebt ist es in den Straßen. Und die Verlockung ist groß, sich ins Getümmel zu stürzen, zu Fuß durch die Stadt zu laufen. Aber das ist verboten – wir müssen im gepanzerten UN-Fahrzeug bleiben, aus Sicherheitsgründen. Die Gefahr sei »abstrakt«, sagt man uns, seit Jahren ist nichts mehr passiert. Trotzdem müssen westliche Besucher und die Mitarbeiter europäischer NGOs Sicherheitshinweise beachten, dürfen nur in bestimmten Hotels übernachten, in ausgesuchten Restaurants essen. Mir kommt das alles übertrieben vor. Wenn man sich so umschaut, da ist sich unsere kleine Gruppe Journalisten einig, sieht es eigentlich nicht viel anders aus als in anderen arabischen Städten auch. Ziemlich normal hier, denken wir – von dem Gefühl des Eingesperrt-Seins einmal abgesehen.

Als wir Gaza verlassen, um nach Israel einzureisen, sehen wir wieder die Drohne, die über uns fliegt. Dann piepst das Handy der Dame am Security-Check. Sie blickt darauf und sagt in ruhigem Tonfall zu einem Journalisten unserer Gruppe: »Raketenwarnung.« Die kommt in Israel per SMS an. Der »Islamische Dschihad«, eine Terrorgruppe, die noch extremer ist als die Hamas, hat von Gaza aus Raketen in Richtung Israel abgefeuert. Die werden abgefangen – und Israel feuert zurück. In den Online-Nachrichten der Times of Israel sehen wir Bilder, auf denen Rauchschwaden über Gaza zu sehen sind, eingeschlagene Raketen. Ein junger Kollege, mit dem wir wenige Stunden zuvor noch sprachen, hält uns per SMS auf dem Laufenden, berichtet von Verletzten und tieffliegenden Jets, die den Menschen Angst machen. Ich muss an die Worte einer UN-Mitarbeiterin in Gaza denken: »There’s nowhere to run« – es gibt keinen Ort, an den man flüchten könnte, wenn Raketen einschlagen. Die zwei Millionen Bewohner Gazas seien eingepfercht wie eine Herde Schafe, sagt sie noch.

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits bin ich heilfroh, gerade noch rechtzeitig herausgekommen zu sein. Andererseits bin ich Journalistin, und so zieht es mich innerlich auch ein bisschen zurück auf die andere Seite – um ein vollständigeres Bild von Gaza zu erhalten.

Am 1. Dezember sollten alle Regierungsgeschäfte in Gaza von der Hamas auf die Fatah übergehen. Wenige Stunden zuvor wurde diese Frist auf den 10. Dezember verschoben. Was das für die Menschen in Gaza bedeutet, ist völlig offen. Ich schwimme am 1. Dezember im Meer, sonne mich am Strand von Tel Aviv. Siebzig Kilometer sind es von hier bis Gaza-Stadt. Siebzig Kilometer und ein völlig anderes Leben. Für einen Großteil der zwei Millionen Menschen in Gaza bleibt es ein Traum, ihren Streifen Land jemals zu verlassen.

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Giorgio Zankl
03.12.201718:32
Vielen Dank für die unprätentiöse und doch bewegende 5-teilige Berichterstattung! Ich wünschte, die Autorin könnte auch viele andere Menschen bewegen, besonders Entscheidungsträger, die durch ihre Handlungen etwas zum Guten in diesem gequälten Landstrich bewegen können.
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