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Der Club der toten Dichter

von Wolfgang Kessler 01.10.2014
»Wenn fünf ehelose Kardinäle ein Buch über die Ehe schreiben, ist das eigentlich nur eine Randnotiz über Lagerfeuer-Romantik auf Katholisch. Für mich zeigt das heute erscheinende und wochenlang groß angekündigte Werk aber, warum die katholische Kirche immer weiter in die Krise treibt.« Kesslers Kolumne
Lagerfeuer-Romantik auf Katholisch: Was fünf Kardinäle jetzt über den »heiligen Stand der Ehe« in Buchform gegossen haben, regt Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler so richtig auf. (Foto: thinkstock/gettyimages/jupiterimages)
Lagerfeuer-Romantik auf Katholisch: Was fünf Kardinäle jetzt über den »heiligen Stand der Ehe« in Buchform gegossen haben, regt Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler so richtig auf. (Foto: thinkstock/gettyimages/jupiterimages)

Eigentlich interessiert sich kaum mehr jemand für die Position der katholischen Kirche zur Ehe, aber mir geht die Sache doch nahe: Die Rede ist von den fünf Kardinälen, die kurz vor der Familien-Synode in Rom noch einmal in einem Buch erhärten, warum Geschiedene nicht mehr zur Kommunion gehen dürfen, wenn sie wieder heiraten.

Nun wäre das Buch – dessen auf Deutsch übersetzter italienischer Titel lautet »In der Wahrheit von Christus bleiben« – nicht mehr als eine intellektuelle Bereicherung der Altpapiersammlung, wären die Autoren nicht mächtige Kardinäle: Gerhard Ludwig Müller, Chef der Glaubenskongregation; Raymond Burke, Chef des Apostolischen Gerichtshofes; Carlo Caraffa, Erzbischof von Bologna sowie die einflussreichen Alt-Kardinäle Walter Brandmüller und Velasio de Paolis.

Mit Macht gegen Menschenfreunde

Sie haben dieses Buch nur aus einem Grund geschrieben: nämlich, um in der Kirche jede Veränderung im Umgang mit wieder verheirateten Geschiedenen im Keim zu ersticken. Wie »der Club der toten Dichter« im gleichnamigen Film halten sie am Alten fest. Doch anders als die poesiebegeisterten Schüler in jenem Film – die verstorbene Poeten verehrten, die wunderbare Gedichte geschrieben hatten – tun sich die Kardinäle offenbar nur zusammen, um mit der Lektüre verstaubter Lehren ihre Macht zu sichern. Oder wollen sie das »gut Katholische« aus einer angeblich so heilen Welt von früher hochhalten? Einfach, weil es alles so einfach machte? Mit ihrem Dogmatismus verkörpern die fünf Kardinäle in jedem Fall die Krise der katholischen Kirche.

Natürlich sind ewig-gestrige Gestalten mit autoritärem Gedankengut hinter den verschwiegenen Kirchenmauern in der Geschichte dieser Institution nichts Neues. Aber für mich ist deren Macht schwer verdaulich, da ich gerade in der Kirche so viele aufrechte Menschenfreunde getroffen habe wie sonst nirgendwo.

Wie Jesus gekidnapped wird

Besonders ärgerlich ist, dass diese Dogmatiker für ihre Lehren auch noch Bibelzitate von Jesus von Nazareth in Anspruch nehmen. Im Falle der Unauflöslichkeit der Ehe berufen sie sich auf das biblische Jesus-Zitat: »Was Gott verbunden hat, soll der Menschen nicht trennen.« Dabei lassen sie völlig außer acht, dass Jesus gerade mit Prinzipienreiterei nichts im Sinn hatte. Er war kein Sittenprediger, er war eher eine Frohnatur. Er entlarvte den heuchlerisch-moralinsauren Umgang der Menschen mit der Ehebrecherin. Und genau darauf sollten sich die Kardinäle besinnen.

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Man weiß wenig von Jesus, doch eines ist sicher: Für »Familie« hat er sich wenig interessiert. Ansonsten kamen für ihn zuerst die Menschen, dann kam lange nichts – und am Ende das Gesetz. Und so handelte er auch: Ging es um Leben, Tod und Gesundheit, brach er das Sabbatgebot. Ob das auch die Kardinäle gelesen haben?

Die Kirche, die ich erlebte

Wie Jesus dachten jedenfalls jene, die vor vielen Jahrzehnten einen Jugendlichen wie mich aus einem nicht-kirchlichen Haus zum Engagement in der Kirche brachten. Da war dieser Jugendpfarrer, der in meinem Ringen um die schließlich erfolgreiche Kriegsdienstverweigerung immer an meiner Seite war, auch wenn es gegen mächtige Bürokraten ging. Von diesen überzeugten Seelsorgern traf ich in den folgenden Jahrzehnten viele. Pfarrer, die an der Seite der Ohnmächtigen in der Dritten Welt kämpfen, Arbeiterpriester, die für Geringverdiener in deutschen Betrieben streiten. Christen, die Flüchtlinge vor Behörden schützen. Ordensleute, die auf jeden Reichtum verzichten, um für andere Menschen da zu sein. All diese Seelsorger eint das jesuanische Ideal: Erst die Menschen, dann die Gesetze.

Papst Franziskus und der Club

Solche aufrechten Kämpfer gibt es in der katholischen Kirche noch immer. Aber sie bestimmen nicht den Gang der Dinge. Selbst Papst Franziskus, der der Barmherzigkeit den Vorrang gibt vor gesetzlichen Normen, will sich mit dem mächtigen Club der toten Dichter nicht anlegen.

Natürlich könnte die Krise der Kirche – die vielen Austritte, das schlechte Image – ein Weckruf sein. »Die Krise als Chance« wird von Bundespräsidenten regelmäßig in der Neujahrsansprache beschworen. Ein Fünkchen Hoffnung auf eine neue Chance gibt es auch in der katholischen Kirche. Aber das Fünkchen wird nur zünden, wenn sich auch unter den Bischöfen offener, mutiger, jesuanischer Widerstand gegen »den Club« regt.

Eine Sekte in der Fußgängerzone

Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich wünsche mir keine »Eiapopeia«-Kirche, die nur dem Zeitgeist nachläuft. Aber wenn die katholische Kirche nicht auf die Menschen zugeht und ihnen stattdessen immer nur die gleiche alte Litanei von unumstößlichen Gesetzen verkündet, wird sie zur Sekte. Ihre Mitglieder treffen sich dann regelmäßig hinter verschlossenen Türen und stellen sich ab und zu mit Bibelversen in die Fußgängerzone. Eine verschworene Gemeinschaft, für die sich niemand interessiert. Weil sie nur um sich selber kreist.

Kommentare
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Hanna Leinemann
05.10.201412:50
Da ist es doch eine tiefe Freude, daß die Familien-Synode in Rom begann; ich bin gespannt darauf, wieviel Rückhalt die fünf Kardinäle haben, die es gerade noch für angemessen hielten, mit ihrem Buch die anderen ehelosen Kardinäle dirigieren zu wollen. - Eine Jesus-Gestalt, eine der Sieben-Kinder-Gottes Gestalten, die auch unerkannt auf Erden sind, läßt sich nicht kidnappen; das wollen nur die Kidnapper nicht wahrhaben. -
Lutz Lemhöfer
05.10.201411:30
Es gibt keinen Grund, den Wirtschaftwissenschaftler Wolfgang Kessler als theologisch unbedarft hinzustellen.Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Kirche selbst einzelne Aussagen des NT wie "Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht scheiden" als Gesetzesvorschrift gedeutet hat, andere ebenso klare Aussagen hingegen als fromme Ratschläge - z.B. das Eidesverbot der Bergpredigt ("Ich aber sage Euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören"). Mir ist nicht bekannt, dass allen Beamten nach dem Eid auf das Grundgesetz das Recht zum Kommunionempfng aberkannt wird. Auf meine Frage, warum im einen Fall gesetzlich-rigoros ausgelegt wird, im anderen lediglich fromm-mahnend, hat mein damaliger Lehrer der Moraltheologie, Alfons Auer, zugestanden, dass es dafür keine stichhaltige Begründung gebe. Wenn ich die Einsicht dieses redlichen Fachtheologen ernst nehme, kann ich dem Nicht-Fachtheologen Wolfgang Kessler durchaus folgen.
Rüdiger Grölz
01.10.201420:38
Hat er nicht recht, der Herr Kessler? Ist das nicht selbstverständlich, was er Jesus "unterstellt"? Und Ihre Theologendiskussion, Frau Hofmann und Frau Meding, ist sie nicht obsolet, obwohl Sie von verschiedenen Ansätzen her denken? Ist es denn wirklich vorstellbar für Christen, dass Jesus Wiederverheirateten die Kommunion verweigert?
Marlise Hofmann
01.10.201418:59
Ich kann die Skepsis von Herrn Kessler gegenüber den fünf Kardinälen verstehen.

Damit hat sich's aber. Wenn ich weiterlese was er da über Jesus schreibt und veröffentlicht sollte er doch lieber den Theologen, bzw. Christen überlassen, die in Jesus noch etwas mehr sehen als "eine Frohnatur" welche sich angeblich nicht für "Familie" interessiert.
Als Wirtschaftswissenschaftler mag er kompetent sein, aber ganz bestimmt ist er kein Bibelkenner. Im Neuen Testament (sowie im AT) kommt Familie immer wieder vor. Und Ihn eine Frohnatur zu nennen angesichts der Tatsache, dass ER als Gottes Sohn(der Mensch geworden ist) von der Geburt bis zum Tod soviel Leid ertragen hat sollte der Autor auf sein "Wunschbild" von Jesus hin überprüfen.Jesus ist nicht gekommen das Gesetz aufzulösen - sondern zu erfüllen. Jesus hat von der damaligen Gesellschaft ganz klar auch den Gehorsam gegenüber weltlichen Ordnungen verlangt. Soviel einfach als Anregung für ein etwas objektiveres "Jesusverständnis."
Heidrun Meding
01.10.201418:11
Bei dem Bibelzitat: "Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen" handelt sich um eine Fälschung, die von interessierter Seite vermutlich schon im frühen Mittelalter in die Schrift eingeschoben worden ist.
Der bekannte Theologieprofessor Dr. Gerd Lüdemann (Universität Göttingen) zeigte in seiner Buchveröffentlichung "Der große Betrug - Und was Jesus wirklich sagte und tat" (Lüneburg, 1998) die Vielzahl der Fälschungen auf, die von den echten Überlieferungen abweichen.
Insbesondere die römische Kirche schuf sich bekanntlich ihren eigenen "Christus", der mit dem beschriebenen Jesus aus Nazareth so gut wie nichts gemeinsam hat.
Wir wissen dies heute alles, und dennoch verbleiben noch immer viele "Gläubige" freiwillig im katholischen Pferch gefangen.
Den reaktionären Prälaten im Vatikan und anderswo ist nicht zu helfen. Sie wollen bestimmte Dinge "glauben" und anderen gleichsam aufzwingen.
Das sie mit ihren Absichten gescheitert sind, macht sie offenbar wütend.
Gut so!
Paul Haverkamp
01.10.201414:55
Die Ewig-Gestrigen

Das System stinkt vom Kopf – und zwar gewaltig. Wer mit Hilfe von 2865 Artikeln des Weltkatechismus glaubt, die Gläubigen zähmen und sie auf den „rechten“ Weg weisen zu müssen, hat nicht verstanden, dass das Evangelium eine „Frohe Botschaft“ und keine „Drohbotschaft“ ist.

Kath. Kirchenvertreter erliegen einem fulminantem Irrtum, wenn sie meinen, das drohende Zusammenbrechen eines Hauses dadurch verhindern zu können, dass sie sich in einer Wagenburgmentalität einigeln und aus dem „blühenden Garten“ der jesuanischen Botschaft ein Mausoleum gestalten, aus dem nur noch Verwesungsgerüche entweichen.

Christl. Selbstverständnis und christlicher Glaube basieren nicht ausschließlich auf einem „regressiven Identitätsgedächtnis“ (Werbick). Kirche darf ihren „Honig“ nicht nur aus Vergangenheitserinnerungen saugen, sondern es gilt deutlich zu machen, dass Gott seine segnende und heilende Begegnung in jeder(!) Gegenwart seinem Volk aufs Neue macht.


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