Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Digital-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter https://www.publik-forum.de/premium.

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

Dämonen der Vergangenheit

Christian W. Staudinger wollte aus der DDR fliehen und dachte schon, er hätte es geschafft. Doch dem war nicht so. Nach der brutalen Festnahme durch Grenzsoldaten folgte ein monatelanges Marytrium: Einzelhaft, Folter, Gefängnis. Seine Bilder erzählen davon – bis heute
Die Erfahrungen aus der Haft prägen die Kunst von Christian W. Staudinger bis heute. Bilder von ihm und anderen Künstlern zeigt zurzeit die »Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße« in Erfurt (Foto: Gester)
Die Erfahrungen aus der Haft prägen die Kunst von Christian W. Staudinger bis heute. Bilder von ihm und anderen Künstlern zeigt zurzeit die »Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße« in Erfurt (Foto: Gester)

Wir sitzen in der Küche, und Christian W. Staudinger erzählt von seinem Fluchtversuch aus der DDR. Nein, wir sitzen nicht, ich sitze. Er ist schon wieder aufgesprungen. Sein Erzählen ist ein körperlicher Vorgang, eine physische Anstrengung. Die Worte sind von Erinnerung durchdrungen, sie füllen den Raum und pressen alles andere an die Wand, wo einige seiner Gemälde hängen. Der bunte Akt über der Spüle, die Fotos der Eltern: Sie wirken bizarr, fremd, diese Dinge aus einem ganz normalen Leben.

Der Raum füllt sich mit Staudingers Erinnerungen. Der 62-Jährige durchlebt die Flucht und Verhaftung erneut, während er erzählt. Seine Geschichte ist nicht vergangen, sie prägt den Künstler bis heute, er lebt in ihr. Damals, so sagt er, sah er in der DDR keine Zukunft mehr. Er war gerade 18 geworden, als man ihn vor die Wahl stellte: »Entweder Sie sind für uns oder gegen uns. Machen Sie mit, und aus Ihnen kann etwas werden. Wenn nicht, werden Sie an der Maschine verrecken!« Im Arbeiter- und Bauernstaat diente Arbeit als Drohung. Christian W. Staudinger dreht sich eine Zigarette, kommt aber nicht zum Rauchen, denn es drängt ihn zu erzählen.

Die gescheiterte Flucht

Von Achtopol aus, einer kleinen Stadt an der bulgarischen Schwarzmeerküste, machte er sich im September 1971 auf zur türkischen Grenze. Gemeinsam mit einem Freund gingen sie zu Fuß südwärts, immer an der Steilküste am Wasser entlang. Sie wagten nicht auf der Straße zu laufen, aus Angst entdeckt zu werden. Als sie nach Stunden an der Weleka angelangt waren, einem kleinen Zufluss zum Schwarzen Meer, dachten sie, sie wären in der Türkei und veranstalteten einen Freudentanz. Doch das Kartenmaterial war falsch.

Mitten in dem Freudenausbruch näherten sich zwei Grenzsoldaten, die Gewehre im Anschlag auf sie gerichtet. »Ich dachte, jetzt ist alles vorbei«, erzählt Staudinger. Die Uniformierten holten Verstärkung. Wie viele es waren, wie lange sie zurücklaufen mussten – »keine Ahnung«, sagt Staudinger, an solche Details kann er sich nicht mehr erinnern, dazu war das Entsetzen zu groß. Aber er erinnert sich, wie sein Freund zusammengeschlagen wurde und in den Dreck fiel. »Er hat sich nicht mehr bewegt, deswegen habe ich gedacht, er sei tot.« Und dann schlugen sie auch ihn bis zur Bewusstlosigkeit.

Staudinger zündet sich die Zigarette wieder an, nimmt einen Zug: Auf dem Weg zurück nach Achtopol gab es einen Halt. Staudinger musste sich an der Kante der Steilküste niederknien, ihm wurde die Kalaschnikow an die linke Schläfe gehalten. »Dann habe ich gesehen, wie er mit seinem Finger am Abzug zog. Dieses Bild hat sich in mein Hirn gebrannt, das werde ich nie vergessen.« Doch es löste sich kein Schuss, Staudinger weiß bis heute nicht warum: »Die AK 47 ist eines der zuverlässigsten Gewehre, sie klemmt nicht.«

Die Waffe beschäftigt ihn noch immer, immer wieder taucht das Motiv in den Bildern und Installationen auf, die er heute als Künstler schafft. Auf ein Gemälde hat er eine Abbildung des Gewehrs in Originalgröße aufgeklebt: einer der Dämonen, mit denen er heute lebt.

Schläge und Tritte

Staudinger und sein Freund werden in die nächstgrößere Stadt, nach Burgas, gebracht, er landet in einer Gefängniszelle ohne Licht. Klein, zu niedrig, um sich aufzurichten, in der Mitte ein Loch für die Notdurft, ausgelegt nur mit Stroh. Hier wird er tagelang festgehalten, er leidet Hunger und wird ins Geschlecht getreten, wenn er schreit und weint.

Staudinger krümmt sich und zeigt mit der Hand knapp über dem Kopf die Höhe dieses Verlieses. Dieser Keller-Kerker-Käfig ist ein weiteres zentrales Motiv seiner Kunst, gemalt und nachgebaut, in empfundener Originalgröße. Er nennt den Kasten »Meditations- und FolterRaum«, kurz MFR in Anspielung an MfS. Tatsächlich ist Meditation für ihn zu einem wichtigen Mittel geworden, mit den Dämonen in Frieden zu kommen. Denn »du kriegst es ja nicht vom Balge, aber du kannst es einsperren. Dann kannst du das angstfrei abrufen, ohne dass es dich terrorisiert«.

Der Kasten wird zurzeit in Erfurt ausgestellt, zusammen mit zwölf großformatigen Gemälden, die Stationen der Flucht, die Verhaftung in Bulgarien, den Rücktransport und die weitere Inhaftierung in der DDR behandeln.

Anzeige

Taizé heute. Das kleine Gleichnis für eine versöhnte Welt

Die Anziehungskraft von Taizé ist auch nach dem Tod des Gründers ungebrochen. Das burgundische Dorf ein Ort kraftvoller ... mehr

In Burgas wird Staudinger einem deutschen Stasioffizier vorgeführt. Dieser fragt ihn, ob er sich nicht mal waschen könne, er stinke. Und nein, er werde nie in die Türkei kommen, aber auch die DDR nicht wiedersehen, im Steinbruch werde er verrecken. Wie er denn überhaupt aussehe, verlaust und verdreckt, der DDR unwürdig, so erinnert sich Staudinger. Er selbst sei ruhig geblieben, sagt er, er sei viel zu fertig gewesen, um sich aufzuregen.

»Ich kam mir vor wie ausgelöscht«

Dann wurde ihm der Kopf mit einer stumpfen Schere rasiert, wobei die Haare mehr ausgerissen als abgeschnitten wurden. »Ich dachte, jetzt sei es vorbei, aber er legte die Schere weg und nahm ein Rasiermesser in die Hand. Vier oder fünf Mal hat er mir damit die Kopfhaut von vorne nach hinten aufgeritzt. Aber es hat nicht geschmerzt, nur ganz warm wurde es.« Warm von dem Blut, das ihm über den Kopf rann. Von dieser Erfahrung erzählt »Schädelritzungen«, das sechste Gemälde aus der Zwölferreihe.

Zurück in der DDR, kommt Staudinger in Erfurt in Untersuchungshaft. Als er im Gefängnis in der Andreasstraße duschen soll, ist er längst paranoid, erinnert sich an die Schulausflüge nach Buchenwald: »Ich war mir sicher, jetzt vergasen sie mich.«

Er war nur noch Angst. Anders als in Bulgarien wird er nicht geschlagen oder angeschrien, stattdessen spricht wochenlang niemand mit ihm: »Ich habe nicht geschrien und nicht geweint, ich bin eher in mich zusammengesackt. Ich kam mir vor wie ausgelöscht.« Er wusste nicht mehr, ob er überhaupt existierte oder schon wahnsinnig geworden war. »Dann war da eine Spinne, mit der habe ich gesprochen.« Nach zwei Monaten Einzelhaft wird er morgens gegen vier erstmals zum Verhör abgeholt.

Wegen versuchter Republikflucht und staatsfeindlicher Hetze wird Christian W. Staudinger zu einem Jahr und sieben Monaten verurteilt, die er in Cottbus absitzt. Im November 1972 wird er in den Westen freigekauft. Er kommt zunächst nach Gießen in das Notaufnahmelager – für ihn die »erste Station in der Freiheit«.

Meditation und Psychoanalyse

Frei und doch nicht frei, mit all dem im Gepäck, was er erlebt und erfahren hat, versucht Staudinger im Westen weiterzuleben. 1974 will er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten umbringen, doch den Ärzten gelingt seine Rettung. Staudinger lebt – und kämpft. Im Westen versucht er alles nachzuholen, was er im Osten versäumt hat: Er macht Abitur, wird Sozialpädagoge, lernt Fallschirmspringen und beginnt 1981 im Frauenstrafvollzug zu arbeiten. Nun hält er die Schlüssel in der Hand. Er kämpft sich durch, erlebt Niederlagen; schwere Migräneattacken zwingen ihn 1986, seine Arbeit aufzugeben. Zugleich aber hat er begonnen, wieder zu malen. Und er beginnt sich aktiv zu erinnern, macht eine Psychoanalyse, lernt zu meditieren und fährt nach Bulgarien, folgt der Erinnerungsspur. Was bleibt, bis heute, sind Ausraster aus vermeintlich nichtigem Anlass und fehlende Erinnerungsstücke, von denen manchmal unvermittelt Teile wieder auftauchen.

Manchmal träumt er von seinen Dämonen. Einer tritt ihn, immer wieder, dann erlebt er seine Auferstehung im Traum. Aber er träumt sich auch selbst in die Rolle des Dämons. Dann ist er derjenige, der den Finger am Abzug hat, da er selbst so einen Hass in sich trägt. Aus dieser Erfahrung entstand das Gemälde mit dem Titel »Die Rache«. Ein drastisches Bild, der Kurator der Ausstellung in der Andreasstraße hat es abgelehnt. Doch Staudinger erklärt: Das sei nicht entscheidend, wichtiger sei der Austausch. Denn »das geht nicht, wenn da immer nur so ein Hass ist. Da gibt es immer nur mehr Tote, es geht nur, wenn man sich an einen Tisch setzt«. Und so wünscht er nichts mehr, als dem Stasi-Verbindungsoffizier aus Burgas noch einmal gegenüberzusitzen. Um zu reden.

Als ich mich verabschiede, klickt wieder das Feuerzeug. Es ist immer noch seine erste Zigarette.

Kommentare
Der Kommentierungszeitraum für diesen Artikel ist abgelaufen, daher können Sie ihn leider nicht mehr kommentieren.
Heinz Sonnberger
06.11.201421:30
Wahnsinn!
Jemand, der in Freiheit aufgewachsen ist, kann sich das nicht vorstellen.
Newsletter bestellen
Melden Sie sich kostenlos für den regelmäßigen Newsletter von Publik-Forum mit aktuellen Neuigkeiten und Zusatzinformationen an.