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Tannenbaum? Wie immer!

von Britta Baas 20.12.2017
Weihnachten ist voller Traditionen. Und natürlich gehört der Baum dazu. Nur: Wie soll er aussehen? Für Frieden auf Erden sorgt nicht jedes Exemplar ... Lesen Sie hier den ersten Text aus unserem Weihnachtsrätsel – Auflösung am 24. Dezember
Sieht er auch aus wie im letzten Jahr? Der Tannenbaum ist aus deutschen Wohnzimmern nicht wegzudenken. (Foto: inkje / Photocase)
Sieht er auch aus wie im letzten Jahr? Der Tannenbaum ist aus deutschen Wohnzimmern nicht wegzudenken. (Foto: inkje / Photocase)

Mein Kollege Thomas hat einen internationalen Baum. Zunächst sieht er aus wie alle Weihnachtsbäume hierzulande: Er ist grün. Er hat Nadeln. Er hat eine Spitze. Aber dann kommt’s! Wenn mein Kollege seinen Baum zu schmücken beginnt, die Weihnachtslandschaft drumherum entwirft, öffnet sich eine Tür zur weiten Welt. Das Jesuskind kommt in die Krippe, Maria und Josef stehen dabei. Auch ein paar Strohsterne und Kerzen werden an den Zweigen befestigt. So weit geht der Baum noch als Sinnbild einer deutschen Weihnacht durch. Bis zu dem Augenblick, in dem Thomas tief in seine Reisekiste greift.

Darin liegen wundersame Dinge, Erinnerungsstücke an Touren durch viele Länder. Sie alle finden Platz im Weihnachtszimmer: Gebetssteine aus Kerbela. Ein Massai-Hirt, sehr lang, sehr dünn. Der Heilige Jakob im Miniformat, direkt importiert nach einem langen Fußmarsch auf dem gleichnamigen Pilgerweg. Die Feder eines Perlhuhns, eingesammelt im Niemandsland zwischen Benin und Niger. Kleine Schweizer Gardisten (die im wahren Leben sehr groß sein müssen), deren vatikanisches Wachbataillon sich um das Jesuskind kümmert. Eine Gebetskette mit den 99 Namen des Allmächtigen, von einem Bauunternehmer in Istanbul an Thomas verschenkt, »weil wir uns so gut verstanden«. Buddhistische Gelehrte in Gestalt von Metallfiguren aus Myanmar. Kamele aus Holz. Und, nicht zu vergessen: Ein Dutzend Citroëns. Spielautos im Miniformat –; mein Kollege pflegt und fährt seit Jahren mit Leidenschaft einen Oldtimer derselben Marke. Die kleinen Autos stehen zusammen mit den Kamelen im Anreisestau zur Krippe. Es kann sich nur um Stunden handeln, bis man da ist! Dann aber wird es Weihnachten werden.

Thomas’ Tannenbaum sieht seit Jahren gleich aus. Abgesehen davon, dass jährlich ein neues Stück hinzukommt, das den Baum oder die Landschaft drumherum noch schöner, noch bunter, noch internationaler aussehen lässt. Wenn Thomas nach seinem Baum gefragt wird, nach dessen Schmuck, nach dessen Stil, dann lautet seines Antwort: »Er ist wie immer!« Und dann weiß man schon: An Heiligabend wird es abenteuerlich zugehen in diesem Wohnzimmer. Dem Jesuskind wird viel geboten.

Wir wissen: Ganz anders sieht es in den Verkaufshallen einer deutschen Baumarktkette aus. Da steht er, so kurz vor Weihnachten, zu Dutzenden, zu Hunderten: der deutsche VOLKSWeihnachtsbaum. So heißt er tatsächlich. Es ist sein Markenzeichen, ein Baum fürs Volk zu sein. Was das wohl heißen soll? Angepriesen wird er auf riesigen Werbebannern, in Fernsehwerbespots, im Radio. Der VOLKSWeihnachtsbaum ist eine Nordmanntanne, zu haben in Größe 1 bis 3, »gleichmäßiger Wuchs, weiche Nadeln«. Auf den Bannern sieht man, wie er zu schmücken ist: Rote Kugeln, Lichterketten, angepriesen von einem wichtelgleichen Biber mit Weihnachtsmann-Zipfelmütze. Ein deutscher Weihnachtsbaum fürs deutsche Volk. Wahrscheinlich zieht das in diesem Jahr? Wo doch manch Wütende den »Volksverräter« neu entdeckt haben, viele den »Volkstod durch Masseneinwanderung« voraussehen und Demonstranten bevorzugt an Montagen »Wir sind das Volk!« rufen. Was so viel heißen soll wie: »Ihr anderen seid es nicht!«

Darf man als Flüchtling aus Syrien einen VOLKSWeihnachtsbaum kaufen? Darf man, falls man aus Afrika kommt, zur Kasse gehen und für 12,99 Euro den Baum, Größe S, erwerben? Oder hält einen dort jemand auf: » Entschuldigen Sie bitte, aber für Sie ist der Baum nicht gedacht. Sie gehören nicht zum Volk! Stellen Sie den mal flugs wieder zurück!«

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Vermutlich geschieht nichts von alledem. Im Weihnachtskommerz ist jeder Käufer recht, er kann herkommen, wo er will. Aber der VOLKSWeihnachtsbaum gibt ein Zeichen: Das Christliche am christlichen Fest ist nicht so wichtig. Stattdessen zählt ein neues Wir-Gefühl. »Wir« sind eins. »Wir« sind wichtig. »Wir« sind eine Gemeinschaft. Und die feiert sich am Heiligen Abend. Wir haben doch so wunderbare deutsche Traditionen!

»Ist das nicht schön?«, würden mich die Werbefachleute des Marktes wohl fragen, wenn sie von mir wüssten. »Was haben Sie denn dagegen? Sie wollen uns doch wohl nicht zu Nationalisten stempeln?«

Nein, will ich nicht. Aber ich will ein unangenehmes Gefühl beschreiben: Deutsche Volksweihnachten mit Volksweihnachtsbäumen, gefeiert in fröhlicher Volksgemeinschaft, hatten wir in Deutschland schon. Es war keine gute Zeit, in der das so war. Das Christkind stand nicht hoch im Kurs. Und »Friede auf Erden allen Menschen« war nicht angesagt.

Vielleicht ist es einfach zu lange her, als dass man daran erinnern darf. Vielleicht ist es einfach nervig, wenn man die Wichtelweihnacht fürs Volk madig macht. Aber ich sag’s ganz ehrlich: Das Weihnachten, wie es mein Kollegen Thomas vorbereitet, ist mir lieber. Mit Heiligem Jakob vom Pilgerweg. Mit Schweizergardisten an der Krippe. Mit Citroëns, die auf Kamele Rücksicht nehmen, während sie geduldig der Ankunft am Stall entgegenwarten. Mit Gebetsketten, die zum Lob Gottes dienen. Mit Steinen aus Kerbela, die daran erinnern, dass auch Menschen aus anderen Religionen an den Frieden glauben. An Gott. Und an die Freundschaft. Über Grenzen hinweg.

Kommentare
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Irmgard Jasker
21.12.201717:21
Es ist unglaublich, was leider bei uns in Deutschland wieder möglich ist. Und leider nicht nur bei uns.
Ich mag kaum noch einen Baum kaufen. Aber da Elisabeth aus Guinea/Conakry sich sehr daruf freut, unseren Baum mit dem Schmuck aus den letzten 40 Jahren zu schmücken, kaufen wir ihn und lassen ihn als international gelten.
Danke für den Text!
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