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Idomeni heißt jetzt anders

Im Mai wurde das Flüchtlingslager in Idomeni geräumt. In Spitzenzeiten lebten bis zu 14.000 Menschen im Camp an der griechisch-mazedonischen Grenze. Doch die Flüchtlinge sind nicht weg, nur weil ein Lager verschwindet. Zu Tausenden warten sie in Nordgriechenland auf Asyl, verteilen sich auf Dutzende neue »Idomenis« . Wir haben Menschen besucht, die an Heiligabend ohne Heimat sind – und sich doch so sehr nach einer Heimat sehnen
Heiligabend auf der Flucht: Wie diesem Vater und seinem Kind geht es vielen. (Foto: pa/Cupolo)
Heiligabend auf der Flucht: Wie diesem Vater und seinem Kind geht es vielen. (Foto: pa/Cupolo)

»Wir sind so müde. Wir müssen endlich an einem sicheren Ort ankommen«, sagt R. aus Syrien, während sie mit trägen Bewegungen ihr kleines Zimmer im Containerhaus aufräumt, wo sie seit ein paar Tagen mit ihrer Familie untergebracht ist. Die 32-jährige gelernte Kinderpsychologin ist zusammen mit ihren zwei kleinen Kindern aus Latakia geflohen. »Bum, bum, bum... So ist es bei uns in Syrien«, sagt sie und malt mit einer Hand die runterstürzenden Bomben in die Luft.

Es ist Weihnachten, doch in den Flüchtlingslagern in Nordgriechenland ist keine heilige Stimmung zu spüren, sondern Ohnmacht und Ausweglosigkeit. Für viele der 7.700 Menschen in den Lagern des Großraums Thessaloniki sind es schon mehr als zehn Monate, die sie warten und warten. Kurz vor oder nach der Schließung des Balkankorridors kamen sie damals in Idomeni an, dem Grenzort in Nordgriechenland, in dem zwischenzeitlich mehr als 14.000 Flüchtlinge ausharrten. Im Mai räumte die linksgerichtete Regierung von Alexis Tsipras schließlich endgültig das informelle Lager.

Die Flüchtlinge wurden in verschiedene Massenlager verteilt, die das Militär über Nacht hochgezogen hatte. So entstanden Dutzende Zeltstädte auf leeren Feldern, abgeschirmt mitten im Nichts. Auch leere Fabrikhallen wurden zu provisorischen Flüchtlingslagern. Monate später ersetzen heute langsam Container die Flüchtlingszelte. Doch die Trostlosigkeit wächst trotz Heizungen und fließend Wasser, während in den noch bestehenden Zeltdörfern mittlerweile der letzte Funken Hoffnung stirbt. Es bleibt wohl ein frommer Traum von einigen Schwärmern, dass sich hier noch mal etwas ändert.

Erst das Warten auf die Wiederöffnung der Grenze. Dann kein Zugang zur Asylbehörde, weil der einzige Zugang über Skype blockiert war. Dann die »Vor-Registrierung« in den Lagern. Die Asylverfahren der hauptsächlich syrischen, irakischen und afghanischen Flüchtlinge laufen weiter mehr als schleppend. Einige können ihre Anträge erst im März 2017 stellen. Die Regierung schätzt, dass die Verfahren sich zum Teil noch bis zu drei Jahren hinziehen werden.

R. hat wie viele andere mehr als zehn Monate in Zelten verbracht. Vier Monate im Grenzort Idomeni mit Blick auf den mit Stacheldraht versperrten Weg nach Norden und sechs Monate im Flüchtlingslager Lagadikia, wo sie auf ihre Registrierung für die Umsiedlung wartet, die im März stattfinden soll. Seit zehn Tagen erst wohnt sie nicht mehr im Zelt. Vorher, so beschreibt sie, musste sie täglich gegen Ratten und Schlangen kämpfen. Auch vor den vielen Männern im Lager fühlte sie sich nicht sicher.

An die weiße Klimaanlage im karg eingerichteten Containerhaus hat sie rote Weihnachtskugeln gehängt. »Ich hoffe, dass das neue Jahr besser wird, insbesondere für alle Kinder, und dass sie alles vergessen können, was sie erlebt haben.« Die Zeit, die sie in Idomeni verbracht hat, kann sie nicht aus dem Gedächtnis streichen: »Alles war so schlimm dort. Das stundenlange Warten auf das Essen, die überfüllten Zelte… .«

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Die alleinerziehende Mutter zweier kleiner Söhne hofft, in die Niederlande geschickt zu werden, dorthin, wo ihr Bruder lebt. Das Verfahren läuft aber schleppend. Gerade mal fünf Prozent der geplanten Umsiedlungen von Griechenland und Italien in andere EU-Länder wurden bislang umgesetzt. Auch für diejenigen, die bereits ein Mitglied ihrer Kernfamilie in einem anderen EU-Land haben, ist es schwer. Menschenrechtler schätzen, dass mehr als sechzig Prozent der Flüchtlinge in den Lagern in Nordgriechenland das Recht auf Familienzusammenführung haben. Die späte Registrierung der Anträge hat die Zusammenführung Tausender Familien massiv verzögert.

In Deutschland und anderen EU-Ländern warten derweil Väter darauf, ihre Neugeborenen zum ersten Mal zu sehen, Jugendliche träumen Nachts von einem Wiedersehen mit ihren Eltern und Geschwistern. Brüder, Tanten, Cousins und Mütter hoffen, ihre Liebsten in die Arme nehmen zu können, bevor sie noch kranker werden oder sogar sterben. Kann einen solche Hoffnung einfach abgetan werden?

»Nein«, sagt W. aus Syrien, der sich in einem der berüchtigten Zeltlager in der Nähe von Thessaloniki befindet. In Deutschland hat er seinen 12-jährigen Sohn und seine kranke Mutter. Seine Frau und die anderen drei Kinder sind noch in Syrien.

Auf seinem Kopf befindet sich eine Stirnleuchte, damit er im dunklen Lager den Weg finden kann. Seit mehreren Tagen hat er nicht geduscht. Es gibt kein warmes Wasser und keine Heizung in den Zelten. Wir treffen ihn vor dem Lager auf einer verlassenen Landstraße. Der Wind rauscht über die Zeltplanen. Auch er sitzt schon fast ein Jahr in Griechenland fest.

Sein Antrag auf Familienzusammenführung wird erst im Januar registriert werden. Er hat bereits einmal versucht, Deutschland mit Hilfe von Schleppern über die Balkanroute zu erreichen, um seinen Sohn und seine Mutter schneller in die Arme schließen zu können. Er überquerte Felder und Berge, bis er es zur serbischen-ungarischen Grenze geschafft hatte. Dort wurde er festgenommen und nach Griechenland zurückgebracht.

Viele Schutzsuchende in Nordgriechenland, die die Hoffnung verloren haben, versuchen wie er unter Einsatz ihres Lebens das Land zu verlassen. W. runzelt die Stirn. Nur mit Mühe bleibt er gefasst: »Seit einem Monat haben ich nicht mit ihnen gesprochen, weil mein Handy geklaut wurde. Mein Sohn braucht mich. Er ist doch ein Kind. Ich hoffe, im neuen Jahr bin ich endlich bei ihm.«

Kommentare
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Konrad Prinke
24.12.201612:59
Lösung des Rätsels:
Die Weihnachtshoffnung auf Frieden und guten Willen kann nicht länger als frommer Traum von einigen Schwärmern abgetan werden.
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