Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2020
Berühre mich!Aber fass mich nicht an
Leben, lachen, glauben in Corona-Zeiten
Der Inhalt:

Wie Milo Rau die Passion Christi in Matera neu verfilmt

von Dorothea Marcus vom 05.04.2020
»Das Neue Evangelium«: Milo Rau feiert Jesus als Sozialrevolutionär und verfilmt die Passion Christi als Revolte von Geflüchteten, die in Italien für einen Hungerlohn Tomaten ernten.
Der Unruhestifter: Milo Rau ist Atheist, Aktivist und Kommunist – und hat die Passion Christi neu verfilmt (Foto: Cipriano/redux/Laif)
Der Unruhestifter: Milo Rau ist Atheist, Aktivist und Kommunist – und hat die Passion Christi neu verfilmt (Foto: Cipriano/redux/Laif)

Azione«, ruft Milo Rau. Los geht’s. Blutend wird Jesus die engen Gassen hinaufgetrieben. Hinter ihm, in der kühlen Sonne eines frühen Tages im Herbst 2019, weiten sich die Höhlen der Sassi. Im süditalienischen Matera wurden schon viele Jesus-Filme gedreht, am bekanntesten sind das »Matthäus-Evangelium« von Pasolini und Mel Gibsons »Passion Christi«. Jesus trägt auch in Milo Raus Neuverfilmung ein weißes Gewand. Mit Dornenkrone, Holzkreuz, römischen Gewändern und Ledersandalen passt alles in die traditionelle Ikonografie. Nur eines nicht: Jesus ist schwarz. Der Hauptdarsteller Yvan Sagnet stammt aus Kamerun und gehört zu den bekanntesten Aktivisten in Italien, die für die Rechte der migrantischen Tomatenarbeiter kämpfen. Vor zehn Jahren führte er ihren ersten Streik an, heute tritt er mit seiner Organisation NoCap für würdige Arbeitsbedingungen und fairen Handel ein, ein ganzes Vertriebsnetzwerk und eine eigene Tomatenmarke hat er schon gegründet.

Dumpf grölen die römischen Soldaten und Bauern hinter dem schwarzen Jesus her. Sie imitieren rassistische Affengeräusche, schlagen ihn mit Lederpeitschen. Hinter den Massen schreiten schluchzend die Frauen. Während Maria von der rumänischen Starschauspielerin Maia Morgenstern gespielt wird, die auch bei Mel Gibson die Maria war, stammt Maria Magdalena in Milo Raus Inszenierung aus Nigeria. Sie nennt sich Osaretin, ist ehemalige Prostituierte und arbeitet in einer Initiative, die Frauen aus sexueller Ausbeutung holt. Ihr richtiger Name darf nicht geschrieben werden, sie gibt keine Interviews und passt nervös auf, nicht zu oft in sozialen Netzwerken aufzutauchen – sonst wäre sie in Lebensgefahr.

Milo Rau sieht Jesus als Sozialrevo

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Kommentare
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Sie erhalten per E-Mail nochmals eine Bestätigung. Der Kommentar wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Auch hierzu erhalten Sie ein E-Mail. Siehe dazu auch Datenschutzerklärung.

Mit Absenden des Kommentars stimmen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten zur Bearbeitung des Kommentars zu. Zum Text Ihres Kommentars wird auch Ihr Name gespeichert und veröffentlicht. Die E-Mail-Adresse wird für die Bestätigung der Bearbeitung genutzt. Dieser Einwilligung können Sie jederzeit widersprechen. Senden Sie dazu eine E-Mail an [email protected].

Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette.