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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2020
Der fragile Mensch
Ein Mängelwesen strebt nach gottgleicher Macht und zerstört sich selbst 
Der Inhalt:

Der fragile Mensch

von Konrad Lehmann vom 31.07.2020
Mit dem Atombombenabwurf in Hiroshima vor 75 Jahren begann das, was der Philosoph Günther Anders das »apokalyptische Zeitalter« nannte: Die Menschheit kann sich selbst vernichten. Vorstellungsvermögen und Moral bleiben hinter den technischen Möglichkeiten weit zurück
Der fragile Mensch wird zum mächtigen Titanen mit der Fähigkeit zur Selbstvernichtung (Bildmontage; Fotos: PA / Bildagentur-online; Istock by getty)
Der fragile Mensch wird zum mächtigen Titanen mit der Fähigkeit zur Selbstvernichtung (Bildmontage; Fotos: PA / Bildagentur-online; Istock by getty)

Am 6. August 1945, morgens um Viertel nach acht, warf der amerikanische Bomber Enola Gay eine Atombombe über Hiroshima ab. Sie tötete mehr als 70 000 Menschen sofort. Drei Tage später, am 9. August um elf Uhr, vernichtete die zweite Bombe in Nagasaki weitere 22 000 Menschen. In den nächsten Wochen und Monaten starben noch etwa 200 000 Menschen an Verletzungen und Strahlenschäden.

Diese Tage vor 75 Jahren markieren eine Zeitenwende. Die Menschheit ist seither eingetreten in das, was der Philosoph Günther Anders das »apokalyptische Zeitalter« genannt hat. Seit 75 Jahren hat die Menschheit die Fähigkeit, sich selbst zu vernichten. Insgesamt über 13 000 Atomsprengköpfe lagern die mittlerweile neun Atommächte zusammengenommen – genug und übergenug, um menschliches Leben auf der Erde zu beenden. Und diese Möglichkeit wird nicht verschwinden. Sie ist das Damoklesschwert, unter dem sich unser Dasein abspielt. So lange, bis es fällt.

Es ist erstaunlich, dass wir diese Tatsache so vollständig vergessen, eher wohl verdrängt haben. Sogar wenn dieser Tage über die sogenannte »nukleare Teilhabe« als Teil der Abschreckungspolitik der Nato debattiert wird, sogar wenn Donald Trump einen Rüstungskontrollvertrag nach dem anderen kündigt, bleiben wir ganz unbesorgt, grillen, baden, fahren in den Sommerurlaub, froh darüber, dass Corona uns das wieder erlaubt. Wie schaffen wir das? Die Gründe für diese »Apokalypse-Blindheit« und was die Existenz der Atombombe für unser Menschsein bedeutet, hat wahrscheinlich niemand so scharf und eindrücklich formuliert wie Günther Anders.

Der Philosoph, Dichter und Publizist war erst 15 Jahre alt, als er etwas sah, das ihn für immer prägen sollte: An einem Bahnhof

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