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Das Licht leuchtet

von Helmut Jaschke vom 24.12.2015
So viele Sehnsüchte und Erwartungen sind mit Weihnachten verbunden! Vor allem aber Erinnerungen an die Kindheit, an Augenblicke freudiger Überraschung, an Stunden von Harmonie und fraglosem Dazugehören, an die Erwartung, es könnte von jetzt an alles besser, schöner werden – und wir könnten alle Grenzen unseres Lebens überschreiten
Das Licht leuchtet in der Dunkelheit: Weihnachten birgt die Erwartung in sich, es könnte von jetzt an alles besser, alles schöner werden. (Fotos: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.; www.fotolia.de/by-studio)
Das Licht leuchtet in der Dunkelheit: Weihnachten birgt die Erwartung in sich, es könnte von jetzt an alles besser, alles schöner werden. (Fotos: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.; www.fotolia.de/by-studio)

Solche Sehnsüchte an Weihnachten zu haben, ist notwendig, um zu spüren, dass mit Gottes Kommen in diese Welt wirklich etwas Neues anfangen kann in unserem Leben, dass es mehr sein kann als schlecht und recht unsere Tage zu verbringen.

Aber die entscheidende Frage ist, ob Weihnachten weiter gehen kann – oder ob diese Gefühle rückwärtsgewandt bleiben und nicht mehr tragen in die Bedrängnisse und Belastungen des Alltags hinein. Denn das ist es doch, was wir meist schnell schmerzhaft spüren: Zu schnell werden die weihnachtlichen Sehnsüchte und Hoffnungen erstickt durch das »normale Leben« das ganze Jahr hindurch. Müssen es also Kinderträume bleiben, denen wir für ein paar Stunden wehmütig nachhängen?

Dem widerspricht die Botschaft des Evangeliums: Heute ist euch ...der Retter geboren!Heute sollen wir in unseren Herzen etwas von der Freude verspüren, dass Gott Mensch geworden ist und unser armseliges Menschsein vergöttlicht hat.

Aber wie kommen wir dorthin, wenn offenbar allein die Erinnerung nicht trägt?

Wagen wir, die Weihnachtsgeschichte als innere Geschichte zu lesen, ihre Bilder als Bilder unserer Seele, dann dürfen wir den Weg nachgehen, den Maria und Josef gingen und der bei den Hirten auf dem nächtlichen Feld endet. Denn sie hören ja als erste die Rettungsbotschaft.

Und da sind es vor allem drei verhängnisvolle Weichenstellungen, die es uns so schwer machen, an die Botschaft vom Frieden, vom inneren Frieden, der Rettung aus unserer Zerrissenheit zu glauben.

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Erstens: Gleich am Beginn unserer Geschichte stehen Macht und Befehl. Wie bald und wie schnell haben andere, scheinbar Bessere und Mächtigere, zu viel Einfluss auf uns genommen oder gar unser Leben bestimmt? Wie viel Macht gaben und geben wir anderen Mächten, Menschen und Dingen, über uns? Für die Macht sind wir nur Nummern, die man in Steuerlisten einträgt. Und sie befiehlt auch den Weg, den man zu gehen hat. Er führt nach Bethlehem.

Zweitens: Bethlehem heißt »das Haus des Brotes«. Darum geht es nun als Hauptsache in unserem Leben: den Broterwerb, die Arbeit, um ihn zu sichern. Den Lebensunterhalt zu verdienen, um das zu haben, was wir brauchen und möglichst noch einige angenehme Dinge dazu, dass wir satt werden und unsere Bedürfnisse gestillt werden. Darum geht es jetzt. Wundert es da, wenn das Kind in uns mit seiner Hoffnung auf ein erfülltes Leben verdrängt wird, weil kein Platz in der Herberge unseres Herzens für es ist?

Drittens: Der Einbruch der göttlichen Wirklichkeit in unsere Welt geschieht in der Nacht. Das Evangelium nimmt uns ernst mit unseren Dunkelheiten: unserer Angst, zu versagen, unserer Trauer um das, was wir verloren haben, unserer Schwermut, die uns niederdrückt, unserer Orientierungslosigkeit, die uns den Weg nicht finden lässt, unsere Angst vor dem Tod.

Doch da sind die Hirten, die wachen, die Nacht hindurch wachen und sich von ihr nicht erdrücken lassen. So stehen sie für die Seite in uns, die trotz allem nicht aufgeben will, die Nacht durchstehen will bis zum Licht. Und dieses Wachen – der Urtext unterstreicht es noch durch eine Doppelung: Und Wache haltend Nachtwachen... (Lk 2,8) – ist notwendig, dazu rief uns ja die Adventszeit auf, um plötzlich und unerwartet die Botschaft des Engels zu vernehmen: Seht, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll, dass euch heute der Retter geboren wurde ... Das Zeichen ist das Kind in der Krippe. Heißt das, dass wir den Hoffnungen und Sehnsüchten des Kindes in uns doch trauen dürfen?

Weihnachten sagt: Ja! Lass zu, dass das göttliche Kind auch heute in dir Gestalt annehmen kann, dass Gott die letzte und tiefste Wahrheit deines oft so armselig scheinenden Lebens ist. Lass dir von ihm sagen, dass außer Gott niemand Macht über dich haben darf; dass dein Leben nicht aufgehen darf in der Sorge um das tägliche Brot und die Absicherung des Daseins; und dass du die Sehnsucht deines Herzens nach Frieden, nach dem inneren Frieden, der dann auch nach außen strahlen kann, nicht aufgeben musst.

Lass es dir sagen mitten in der Nacht, wenn scheinbar alles dagegen spricht, dass das Licht, das Leben, stärker ist als die Dunkelheit von Trauer, Angst und Tod. Denn es ist Heilige Nacht. Es ist Weihnachten.

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