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Braucht es einen Bildungskanon?

Ja, meint der Zeit-Redakteur Thomas Kerstan. Wir brauchen ihn als Kitt, um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten. Um im Gespräch über Neues eine gemeinsame Basis zu haben, muss es Bilder, Bücher und Filme geben, die alle kennen. Ein Beitrag aus unserer Debattenreihe Streitfragen zur Zukunft
von Thomas Kerstan vom 20.10.2018
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Brauchen wir einen Bildungskanon? Zeit-Redakteur und BildungsexperteThomas Kerstan meint: Ja. Wobei es ihm nicht nur um klassische Werke von Goethe und Schiller geht, er würde auch Romane wie »Harry Potter« oder das Computerspiel »Minecraft» dazunehmen (Fotos: pa/Frank Sommariva; privat)
Brauchen wir einen Bildungskanon? Zeit-Redakteur und BildungsexperteThomas Kerstan meint: Ja. Wobei es ihm nicht nur um klassische Werke von Goethe und Schiller geht, er würde auch Romane wie »Harry Potter« oder das Computerspiel »Minecraft» dazunehmen (Fotos: pa/Frank Sommariva; privat)

Wir brauchen einen neuen Kanon des Allgemeinwissens! Vor allem zwei Gründe ließen in mir diese Überzeugung reifen: Erstens die Inhaltsleere der Bildungsdebatte und zweitens das Auseinanderdriften unserer Gesellschaft.

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Bei den großen Streitthemen der Bildungspolitik der letzten Jahre – sei es die Dauer der Gymnasialzeit oder die Einführung der Bachelorstudiengänge – ging es immer um Äußerlichkeiten, um Strukturen. Dabei hätte der Streit die Chance geboten, sich einmal mit den Inhalten der Bildung zu befassen: Was gehört eigentlich zum unverzichtbaren Curriculum des Gymnasiums? Welches Wissen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen im Studium vermittelt werden? Leider wurde diese Chance kaum genutzt.

Noch mehr bewegt mich allerdings, dass wir als eine Gesellschaft im Wandel einen gemeinsamen Bezugsrahmen für den so dringend nötigen Diskurs untereinander brauchen. Wir brauchen Bilder, Bücher, Filme, die alle kennen, um im Gespräch über Neues eine gemeinsame Basis zu haben. Wir brauchen sie, um uns gegenseitig besser zu verstehen, auch, um uns selber besser zu verstehen. Wir brauchen sie als Kitt, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Dass so ein Bezugsrahmen dringend nötig ist, zeigt sich immer wieder. (...)

Die Individualisierung des Medienkonsums

Hinzu kommt die Individualisierung des Medienkonsums: Die Zeiten, da die ganze Familie vor der Tagesschau versammelt war, sind längst vorbei. Die Mutter hört die Nachrichten im Autoradio, der Vater liest sie am PC und die Tochter auf dem Smartphone. Jeder hat seine eigenen Quellen. Das kann bereichernd sein, das kann aber auch den Gedankenaustausch erschweren. Außerhalb von Fußballweltmeisterschaften sitzt Deutschland nur noch selten zusammen am medialen Lagerfeuer. (...)

Deshalb möchte ich, dass möglichst viele einen konkreten Fundus an Werken kennen, um darüber zusammenzufinden. Dazu gehört, dass sich Westdeutsche mit DDR-Literatur befassen, genauso wie mit Filmen, die die Seele unserer deutschtürkischen Mitbürger erreichen. Zuwanderer haben wiederum die Pflicht, sich mit den Grundlagen des Zusammenlebens in Deutschland auseinanderzusetzen. (...)

Weshalb nun meine ich, dass ausgerechnet ein Kanon dabei behilflich sein kann, der Verinselung des Landes entgegenzuwirken und die Menschen in Deutschland miteinander ins Gespräch zu bringen? Dazu muss ich präzisieren, was ich unter einem Kanon verstehe: eine explizite Liste kanonischer Werke, also Gemälde, Fotos, Musikstücke, Bücher, Gedichte, Filme und Theaterstücke, die jeder kennen muss.

In den 1970er-Jahren ist diese Idee an den Schulen unter die Räder gekommen, weil der Zeitgeist darin eine fortschrittshemmende Tradition sah, ein Instrument, das allen die herrschende Kultur als verbindlich überstülpen solle. Bildungsinhalte wurden daraufhin in vielen Lehrplänen durch Lernziele ersetzt, in der weiteren Folge durch Schlüsselqualifikationen, schließlich durch die sogenannten Kompetenzen und Bildungsstandards.

Ich halte das für einen Fehler. Denn es ist nicht egal, an welchem Gegenstand die Schüler ihre Kompetenzen entwickeln. Es ist ein Unterschied, ob man seine Lesefähigkeit an der Gebrauchsanweisung für eine Waschmaschine schult oder an Schillers Glocke. Und für den gesellschaftlichen Diskurs ist ein konkreter Kanon allemal hilfreicher als die wolkige Prosa abstrakter Kompetenzen. (...)

Was könnte zum Kanon gehören?

Anhand eines konkreten Kanons kann man auch diskutieren, was auf die Liste gehört und was fehlt. Gibt es vielleicht einen deutsch-türkischen Rap, den jeder kennen muss? Zeichnet ein anderer Film die Stimmung in der DDR treffender? Warum muss man sich uralte Gemälde anschauen? Soll man Gedichte wie das »Abendlied« von Matthias Claudius kennen? Gehören nicht auch Filme wie »Star Wars«, Romane wie »Harry Potter« oder das Computerspiel »Minecraft« dazu? (Ich meine: Ja!) Zur Allgemeinbildung gehören für mich aber auch Sachbücher über die Evolutionstheorie und die Entstehung des Weltalls, über Politik und Philosophie. Ein solcher Kanon öffnet den Blick für die Breite der Allgemeinbildung, ohne sich im Unübersichtlichen zu verlieren – und er bietet auch eine Orientierungshilfe für Arbeiter- und Einwandererfamilien, die sich dort nicht so gut auskennen wie die Angehörigen der etablierten Mittel- und Oberschicht. (...)

Mein Ideal ist, dass die Gesellschaft gemeinsam am Lagerfeuer sitzt. Die Alteingesessenen erzählen ihre Geschichten, die Neuen kommen hinzu und bringen ihre Geschichten mit. So kann ein neues Wir entstehen.

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Personalaudioinformationstext:   Thomas Kerstan, geboren 1958, beobachtet seit mehr als zwanzig Jahren als Redakteur der Wochenzeitung »Die Zeit« das Bildungswesen. Kürzlich erschien sein Buch »Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert« in der Edition Körber.
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