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Auf Weihnachten warten

von Britta Baas 21.12.2016
Der Dunkelheit ein Ende setzen: Wie geht das in diesen Zeiten? Manchmal liegt – trotz allem – ein wenig Freude in der Luft. Ist da ein Weihnachtsrätsel nicht höchst willkommen? Öffnen Sie nun jeden Tag einen Adventstext auf Publik-Forum.de – und suchen Sie Worte, die am Ende eine Weihnachtsbotschaft für diese Zeiten ergeben. Beginnen Sie mit der Geschichte von einem roten Ballon

Jeden Tag laufe ich an dem Baum vorbei. Und eines Tages sehe ich ihn, da oben im Geäst: einen roten Ballon. Er flattert herum, als ob es nichts Wichtigeres zu tun gäbe. So viel Arbeit vor Weihnachten, so viel Eile, und er flattert da einfach im Wind! »Dich wird die Welt auch noch schaffen«, sage ich grimmig. »Wirst schon sehen, irgendwann geht dir die Luft aus. Dann hängst du schlaff und matt in diesen Ästen, und niemand schaut mehr nach dir.«

Am nächsten Tag ist er immer noch da. Er leuchtet, als ob es etwas zu erleuchten gäbe. »Ein hartnäckiges Exemplar seiner Art«, denke ich. »Wer ihn wohl gen Himmel geschickt hat? Ein Brautpaar?« Wenn der Ballon nicht herunterkommt, werde ich es nie erfahren. Die Karte an seiner Schnur würde Aufschluss geben. Aber die ist ja nicht mit Händen zu greifen.

Die Weihnachtshoffnung bleibt, dass sich das noch ändern wird. Die Tage vergehen, es ist nicht mehr weit bis Heiligabend. Eines Morgens sehe ich: Der Ballon ist zerplatzt. Er hängt in Fetzen in den Ästen des Baumes. Wie schön er doch geleuchtet hatte! »Ich werde dich nicht vergessen«, rufe ich zu ihm hinauf. Dann schaue ich mich um: Hat mich jemand gehört? Nein, niemand da. Nur ärgerlich, dass ich jetzt immer noch nicht an die Karte herankomme. »Schmeiß das Ding runter«, rufe ich nach oben. Das, was von dem Ballon übrig ist, schweigt.

Die Zeit rast. Das heißt, eigentlich vergeht sie nicht schneller als sonst, aber ich laufe, je näher Weihnachten rückt, umso eiliger an ihr vorbei. Die Geschenke für Familie und Freunde werden verpackt, der Weihnachtsbaum wird ausgesucht, die Krippe aufgestellt. Das holzgeschnitzte Jesuskind gleitet durch meine Hände. »Schon erstaunlich, was du Knäblein bewirkt hast«, sage ich zu der Figur. »Wahrscheinlich lag damals so viel Erwartung in der Luft, dass es vor allem deshalb etwas werden konnte mit dir und deiner Vision vom wahren Leben. Ohne diese wilde Erwartung hätten die Menschen aus deiner Botschaft wohl kaum eine Weltreligion gemacht.«

Ab und an denke ich noch an den Ballon. Und an die Karte. Die würde ich schon gern lesen. Warum eigentlich? Erwarte ich mir eine geheime Botschaft? Einen Satz, der alle meine Fragen an das Leben beantwortet? »Dieser Satz kann da nicht stehen«, weise ich mich selbst zurecht. »Es wird etwas ganz Banales sein. So was wie: Sandra und Thorsten grüßen den Rest der Welt! Oder vielleicht auch gar nichts, nur die Adresse des Absenders.«

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Dann kommt der Tag, an dem die Karte direkt vor meinen Füßen liegt. Ich laufe an dem Baum vorbei, wie ich es oft tue. Und da ist sie. Im Matsch. Die Schnur ist noch da, ein Fetzen des Ballons hängt an ihrem Ende. Schnell hebe ich das kleine Stück Kartonpapier auf. Es ist eine Postkarte, wie ich es vermutet hatte. »Hallo, ich heiße Max. Ich bin neun Jahre alt«, steht darauf. »Schreib mir!« Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. »Schreib mir …« Die Adresse des Absenders ist gut zu lesen, jemand hat sie auf die Karte gedruckt. Vielleicht die Eltern von Max? Ich weiß es nicht.

Auf meinem Weg nach Hause nehme ich ich die Karte mit. Daheim angekommen, schreibe ich: »Hallo Max, ich heiße Britta und bin 51 Jahre alt. Dein Ballon hing viele Tage in den Ästen von einem Baum, an dem ich immer vorbeikomme. Dann ist er zerplatzt. Die Karte ist runtergefallen. Darauf habe ich lange gewartet, jetzt ist es wirklich passiert. Freust du dich schon auf Weihnachten? Ich freue mich sehr! Schreib mal zurück!«

Frieden auf Erden: Über dieses ewige Thema reden sie im Radio, als ich im Auto auf dem Weg zum Briefkasten bin. »An Weihnachten wird das große Ziel Frieden wohl auch in diesem Jahr in weiter Ferne sein«, denke ich. »Zu viele Verbindungen sind gekappt, zu viele Worte werden nicht gesprochen, auf der großen wie auf der kleinen politischen Bühne.« Dann werfe ich die Karte in den Briefkasten. Keine Ahnung, ob ich jemals Antwort bekomme. Ich weiß nicht, wie Max so drauf ist. Seinen Ballon habe ich jedenfalls sehr gemocht. Er hat mir die Tage vor Weihnachten bunter gemacht. Wind und Wetter haben ihn am Ende geschafft. Aber als das passierte, hat er mir eine Botschaft geschickt, jene Zeilen von Max.

Als ich von meinem Gang zum Briefkasten zurückkehre, schaue ich unwillkürlich nach oben. Da ist er mal entlanggeflogen, der rote Ballon! Ich freue mich und kann nicht so genau sagen, warum. Könnte es sein, dass ich etwas höre? Es klingt wie: »Himmel an Erde, Himmel an Erde: Erwarte nie zu wenig!«

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